Spider-Man: A New Universe

Wer war gestern noch müde? Ich habe mir Sonntagnacht wieder einmal die Golden Globe-Verleihung angesehen und muss gestehen, dass ich schon lange nicht mehr so wenig mit den Nominierten mitgefiebert habe. 2018 gab es eine Menge guter Filme, darunter aber nur wenige, die polarisiert haben, die man entweder favorisiert hat oder von denen man überzeugt war, dass sie den Preis absolut nicht verdient haben. Auch die Veranstaltung selbst war heuer recht hüftlahm, die Moderatoren ein bisschen roboterhaft und erschreckend unwitzig, die Reden bis auf wenige Ausnahmen (z.B. von Glenn Close und Christian Bale) zu nüchtern und nichtssagend. Selbst Jeff Bridges, der den Cecil B. DeMille-Award erhielt, schien nicht in Form zu sein. Insgesamt eine eher fade Veranstaltung. Das können die Oscars hoffentlich besser.

Spider-Man: A New Universe hat den Golden Globe für den besten Animationsfilm des Jahres erhalten, und da passt es, dass ich dazu noch eine Kritik auf Lager habe. Ich muss ja gestehen, dass ich immer noch Probleme mit dem Titel habe, aus dem Zusatz Into The Spider-Verse im Original wird bei uns das neudeutsche A New Universe, und irgendwie kann ich mir das nicht merken. Das zweite Problem, das ich seit der Ankündigung des Projekts hatte, war: Wer braucht schon wieder ein neues Spiderman-Reboot? Tom Holland macht einen guten Job (genauso wie seine beiden Vorgänger), also lasst den Jungen sich doch erst mal weiter durch New York schwingen, bevor er einen Nachfolger oder Konkurrenten bekommt – noch dazu einen animierten. Braucht doch kein Mensch, oder?

Spider-Man: A New Universe

Miles Morales hat kürzlich von einer öffentlichen Schule, auf der er sehr beliebt war, auf ein privates Internat gewechselt, auf dem er der nerdige Außenseiter ist. Auch seine Eltern, eine warmherzige Krankenschwester und ein liebevoller Cop, der seinen Sohn mit der Bekundung seiner Zuneigung in aller Öffentlichkeit gerne blamiert, stressen ihn. Nur sein cooler Onkel Aaron versteht ihn und nimmt ihn mit in verlassene Tunnel, wo Miles seine Sprayer-Fantasien ausleben kann. Dort wird er prompt von einer radioaktiven Spinne gebissen und mutiert in Folge zu Spider-Man. Dumm ist nur: Es gibt bereits einen Spider-Man, und als der Bösewicht Wilson Fisk ein Portal zu anderen Dimensionen öffnet, bleibt es nicht einmal dabei …

Wie ein normaler Teenager zu Spider-Man wird, wissen wir bereits zur Genüge, doch die Autoren Phil Lord und Rodney Rothman erzählen es uns noch einmal – und machen sich einen Spaß daraus, diese Story gleich in mehreren Paralleluniversen aufzugreifen und zu variieren. Im Verlauf des Films treffen wir dabei auf viele unterschiedliche Charaktere, die nur eines gemeinsam haben: den Spinnenbiss. Ich bin zwar kein Experte auf diesem Gebiet, aber anscheinend basiert die Geschichte vom Spider-Verse nicht nur auf einem Comic, sondern haben auch all die anderen Inkarnationen (oder zumindest ein Teil von ihnen) ihre eigenen Reihen. Spider-Man ist auf dem Comicmarkt also schon lange viel mehr als nur der uns Kinobesuchern bekannte Spider-Man.

Dazu passt auch die Botschaft des Films: Jeder kann ein Held sein, jeder kann die Maske tragen, egal ob du jung, alt, weiß, schwarz, männlich oder weiblich oder nicht einmal ein Mensch bist. Man muss nur an sich und seine Fähigkeiten glauben und bereit sein, für das Richtige einzutreten. Denn: Aus großer Macht … Ja, auch das haben wir schon häufiger gehört.

Die eigentliche Geschichte ist ziemlich klassisch: Ein Bösewicht führt ein kompliziertes Experiment durch, das die gesamte Welt zerstören könnte – in diesem Fall die Öffnung eines Portals zu einem Paralleluniversum – und der Held muss ihn daran hindern, wobei er zuerst die vielen skrupellosen Helfer seines Gegenspielers überwinden muss, bevor er ihn im finalen Kampf stellen kann. Nichts Neues unter der Sonne.

Dennoch ist Spider-Man: A New Universe erfrischend anders. Zum einen weil er sich selbst nicht so ernst nimmt, mit seinen bekannten Zitaten spielt, sich auch ausgiebig selbst zitiert und teilweise persifliert, zum anderen weil die animierte Version den Vorteil hat, dass sie näher an der Comic-Vorlage ist als jede Realverfilmung. Die Macher haben sogar das körnige Raster, das man von den frühen amerikanischen Comics kennt, ihrem Bild zugrunde gelegt – ein Stilmittel, an das ich mich allerdings nicht so richtig gewöhnen konnte. Auch die Mischung der verschiedenen Zeichenstile ist auf den ersten Blick ungewöhnlich, aber nicht uninteressant.

Was erzählt wird, ist nichts Neues, aber dafür das Wie. Der Film ist frech, witzig, temporeich und nimmt sich selbst nicht so furchtbar ernst – insgesamt eine gelungene Mischung. Wenn die Qualität stimmt, warum sollte es dann auch nicht mehr als einen Spider-Man geben?

Note: 2-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...