The Death of Stalin

Vergangenen Sonntag wollte ich endlich mal wieder ins Kino. Viel (zu viel) Arbeit, diverse Einladungen und verhaltene Kritiken haben mich in den letzten Wochen immer wieder davon abgehalten, mir einen Film auf der großen Leinwand anzuschauen, aber jetzt hatte ich endlich Zeit – und dann hat es geregnet. Nicht nur geregnet, sondern geschüttet, ein Wetter, bei dem man nicht einmal einen Hund vor die Tür jagen würde, geschweige denn durch das man fünfzehn Minuten lang zum Kino läuft, um dann mit nassen Hosenbeinen im Dunkeln zu sitzen und zu frieren. Also bin ich zu Hause geblieben und hab mir etwas auf Prime angesehen …

The Death of Stalin

Moskau 1953: Weil Stalin (Adrian McLoughlin) die Aufzeichnung eines Klavierkonzerts hören möchte, der Direktor des Theaters (Paddy Considine) aber vergessen hat, eine anfertigen zu lassen, müssen die Besucher dableiben und die Musiker das Stück erneut aufführen. Ganz Russland lebt in steter Angst davor, den Diktator oder den mächtigen Chef des Geheimdienstes Beria (Simon Russell Beale) zu verärgern und dann verschleppt oder ermordet zu werden. Dennoch nutzt die Pianistin (Olga Kurylenko), deren Familie von Stalin ermordet wurde, die Chance, dem Parteivorsitzenden einen Hassbrief zukommen zu lassen. Nach dessen Lektüre Stalin prompt einen Schlaganfall erleidet. Während er auf dem Sterbebett liegt, bringen sich bereits seine Nachfolger in Stellung: Der ehrgeizige Chruschtschow (Steve Buscemi) intrigiert gegen Beria, aber auch gegen Stalins Stellvertreter Malenkow (Jeffrey Tambor).

Wer unter Stalins Herrschaft gelebt hat, hatte wohl nichts zu lachen. Selbst bei uns im Westen hielten sich die Scherze über die kommunistische Schreckensherrschaft in Grenzen, deshalb ist es recht hilfreich, dass der Kalte Krieg schon lange überwunden ist und Stalin und Konsorten in die Geschichte eingegangen sind. Im zeitlichen Abstand kann man leichter über das Witze reißen, was damals blutiger Ernst war.

Schon zu Beginn, wenn Beria seine berüchtigten Listen mit Stalin abstimmt und regimekritische Männer und Frauen verhaften, foltern und ermorden lässt, geschieht das mit zynischer Respektlosigkeit, wenn etwa die Reihenfolge der Erschießungen festgelegt wird oder diese mit einem „Lang lebe Stalin“ der Opfer begleitet werden. Mitunter bleiben einem aber auch die Lacher im Halse stecken.

Auch die Mitglieder des Politbüros wirken wie eine Ansammlung hilfloser Hanswurste, machtversessen auf der einen Seite, gleichzeitig aber auch misstrauisch und ängstlich, weil niemand weiß, ob er nicht als nächster den Säuberungen zum Opfer fallen wird. Molotow (Michael Palin) kann ein Lied davon singen, denn zuerst verschwand seine Frau, und nun steht er selbst kurz davor, liquidiert zu werden, bevor Stalins Tod seinen eignen verhindert und Beria seine Frau wieder auftauchen lässt, um sich der Unterstützung Molotows zu versichern. Doch der weiß nicht recht, wie er damit umgehen soll. Ist seine Frau nach wie vor eine Verräterin? Soll er sie wieder aufnehmen oder lieber auf Distanz gehen?

Diese Unwägbarkeit im Alltag der Figuren sorgt für viele Lacher, denn sie führt zu den absonderlichsten Äußerungen und Entscheidungen. Vielleicht hätte Stalin sogar überlebt, wenn nicht alle, von den Wachleuten vor seiner Tür bis hin zu seinen engsten Vertrauten, zu ängstlich gewesen wären, etwas zu unternehmen, weil sie nicht wissen, wie diese Handlung später bewertet werden würde. Weil die Figuren nicht frei sind in ihren Gedanken und Aktionen, sondern immer den sozialistischen Kontext laut mitdenken und alles in dieser Hinsicht filtern, wirken sie fremdgesteuert – und urkomisch.

Hinzukommt, dass sämtliche Rollen großartig besetzt sind und alle Schauspieler sichtlich Freude an ihrer Performance haben. Dazu tragen auch die brillanten Dialoge bei, von denen die Geschichte vor allem in ihrer ersten Hälfte lebt. Die zweite ist dagegen weniger leichtfüßig, sondern düsterer und ernster. Schließlich entscheidet sich in ihr der Kampf um die Nachfolge Stalins, die letzten Endes nur blutig enden kann.

Die Ursache für dieses leichte erzählerische Ungleichgewicht liegt vielleicht daran, dass neben dem Regisseur Armando Iannucci noch David Schneider, Ian Martin und Peter Fellows am Buch mitgeschrieben haben, das auf einer Adaption eines Comics von Thierry Robin und Fabien Nury, der auch eine frühe Drehbuchfassung verantwortet hat, basiert. Möglicherweise waren da einfach zu viele Köche an der Arbeit.

Dennoch ist das Resultat ein wunderbarer, ungemein witziger Film, der erschreckenderweise sehr viele Tatsachen beinhaltet, von denen man nicht geglaubt hätte, dass sie wirklich wahr sind. Gut, dass man wenigstens mit zeitlichem Abstand darüber lachen kann, zumindest im Westen – in Russland und einigen ehemaligen Sowjetrepubliken wurde der Film verboten …

Note: 2-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...