Sex Education

Let’s talk about … TV. Oder Netflix in diesem Fall. Der Streamingdienst, der immer ein großes Geheimnis um seine Zugriffszahlen macht, hat der Öffentlichkeit erneut einen kleinen Einblick gewährt und bekanntgegeben, dass auf die Serien-Neustarts Sex Education und You: Du wirst mich lieben rund 40 Millionen Mal zugegriffen wurden. Das sind beachtliche Zahlen, auch wenn inzwischen bekannt geworden ist, dass man sie mit Vorsicht genießen muss, weil die Streamingdienste anders messen als beispielsweise die amerikanischen Fernsehsender. Netflix verzeichnet etwa nicht die durchschnittliche Zuschauerquote, sondern die Anzahl der Zugriffe auf eine einzelne Folge, von der jemand mindestens 70 Prozent gesehen haben muss. 40 Millionen Zugriffe auf einen Großteil einer einzelnen Folge ist natürlich etwas anderes als 40 Millionen, die die gesamte Serie gesehen haben.

Egal, ich war dennoch neugierig und dachte mir, ich schaue mal rein.

Sex Education handelt von dem 16jährigen Otis (Asa Butterfield), der eine erklärte Abneigung gegen Sex hat, er ekelt sich regelrecht davor und will sich nicht einmal selbst befriedigen. Dummerweise ist seine Mutter Jean (Gillian Anderson) eine erfahrene Therapeutin, die sich vor allem mit sexuellen Themen und Paartherapie beschäftigt, mit ständig wechselnden Liebhabern ein abwechslungsreiches Liebesleben führt und überdies keine Hemmungen hat, Otis über seine Probleme auszufragen. Was die Beziehung zwischen ihnen nicht gerade einfach macht. Da Otis ein netter, etwas unscheinbarer und sehr aufmerksamer Schüler ist, der seinen Mitmenschen genau zuhört und sich gut in andere hineinversetzen kann, wird die ebenso hübsche wie rebellische Maeve (Emma Mackey) auf ihn aufmerksam und schlägt ihm einen Deal vor: Otis soll sich der sexuellen Nöte seiner Mitschüler annehmen und ihnen Ratschläge geben, wie sie erfülltere Beziehungen und leidenschaftlichere One-Night-Stands haben können. Tatsächlich macht er seine Sache so gut, dass er bald ein gefragter Sex-Guru ist …

Zugegeben, wirklich neu ist die Idee nicht, 2007 hat es mit Charlie Bartlett einen ähnlichen Film gegeben, in dem ein Junge seine Mitschüler therapiert hat, und dass Teenager mit den Weisheiten ihrer Therapeuten-Eltern hausieren geben, kam als Sujet auch schon gelegentlich vor. Immerhin ist die Grundidee, dass ein ausgesprochener Sex-Phobiker Ratschläge in Sachen Liebe und Erotik gibt, ziemlich witzig, und da es eine britische Serie ist, kann dabei ja nicht allzu viel schiefgehen.

Tatsächlich ist Sex Education eine ausgesprochen gelungene Mischung aus leicht frivoler Komödie und Coming of age-Story, die zwar ausgetretene Pfade betritt, dies aber so schwungvoll und leidenschaftlich tut, dass sie von Anfang bis zum Ende ein großes Vergnügen darstellt. Die Briten waren zwar mit Skins schon mal weitaus provokativer und gerade in den ersten Staffeln näher am Zeitgeist, dafür kann Sex Education mit einem tollen Ensemble punkten und präzise gezeichneten Konflikten ihrer jugendlichen Protagonisten.

Otis ist ein bisschen linkisch und natürlich bald bis über beide Ohren in Maeve verliebt, die jedoch nicht viel von Bindungen hält, da sie von ihren Eltern im Stich gelassen wurde und eine rein körperliche Beziehung zum Schulsprecher und Schwimmstar Jackson (Kedar Williams-Sterling) unterhält, der schwer in sie verliebt ist. Eine weitere wichtige Rolle spielt noch Eric (Ncuti Gatwa), Otis’ bester Freund, der  wegen seiner Homosexualität gehänselt wird.

Überhaupt haben sich die Macher bemüht, so divers wie möglich zu sein und das gesamte Spektrum sexueller und ethnischer Naturen abzubilden, was auf den ersten Blick etwas angestrengt wirkt, sich aber insgesamt gut in die Gesamthandlung fügt. Jede Folge dreht sich um ein anderes Problem, das jedoch nur am Rande behandelt wird und selten eine größere Rolle spielt. Dafür erfährt man von Mal zu Mal mehr über die jugendlichen Protagonisten, ihre Sehnsüchte, Konflikte und Träume. Das ist klug erzählt und entfaltet sehr schnell einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. So sind die acht Folgen schneller rum als einem lieb ist und man muss sich von den liebgewordenen Figuren schon wieder verabschieden.

Alles in allem eine Serie, die ich bedingungslos empfehlen kann, sie ist klug und einfühlsam erzählt, lebt von ihren großartigen Figuren und witzigen Einfällen und besitzt überdies einen überaus gelungenen Soundtrack. Eine der besten britischen Serien der letzten Jahre.

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...