Mr. Holmes

Der Frühling naht – zumindest fühlt es sich gerade so an. Die ehrgeizigen unter uns denken vielleicht schon an den Frühjahrsputz, ich überlege, ob es nicht langsam an der Zeit wird, eine Art digitalen Frühjahrsputz zu machen und endlich mal die gesammelten Filme auf meiner Festplatte abzuarbeiten. Das sind Filme, die mich grundsätzlich interessieren, aber nicht so brennend, dass ich sie mir zeitnah zur Aufnahme auch angesehen hätte. Die Gründe dafür sind vielfältig, manchmal fehlte die Zeit und der Film geriet in Vergessenheit, manchmal waren die Bewertungen so schwach, dass ich fürchtete, enttäuscht zu werden, oder der Film behandelt ein Thema, dem man sich ungern nähert. Demenz zum Beispiel wie bei Mr. Holmes.

Aber mitunter muss man sich auch mal aus seiner Komfortzone herausbewegen und Neues für sich entdecken. Oder einfach mal auf einen Film einlassen.

Mr. Holmes

Sherlock Holmes (Ian McKellen) ist 93 Jahre alt und schon seit Jahrzehnten im Ruhestand, den er in einem kleinen Cottage auf dem Land verbringt. Seine Weggefährten sind alle inzwischen tot, England hat gerade den Zweiten Weltkrieg überstanden, und der größte Detektiv des Landes kämpft mit den ersten Symptomen einer Demenz. Deshalb will er unbedingt noch seinen letzten Fall zu Papier bringen, den Watson – wie so oft – verfälscht wiedergegeben hat und der kürzlich verfilmt wurde. Holmes ärgert sich über diese Version, denn er hat damals versagt und quält sich seit Jahrzehnten mit den fatalen Konsequenzen seiner Entscheidungen.

Regisseur Bill Condon entführt uns in ein ländliches Nachkriegsengland, das in warme Farben getaucht ist und in dem das Leben so gemächlich und geruhsam verläuft wie in Downton Abbey. Die Schrecken des Krieges sind vorbei, auch wenn viele Menschen noch darunter leiden, Holmes Haushälterin (Laura Linney) zum Beispiel, deren Mann gefallen ist und die nun allein ihren Sohn Roger (Milo Parker) großziehen muss. Roger wiederum verehrt Holmes und unterstützt ihn vor allem in seiner Bienenzucht. Als ein rätselhaftes Insektensterben einsetzt, drängt er den Meisterdetektiv sogar, in dieser Sache zu ermitteln …

Doch Holmes hat andere Sorgen. Sein Gedächtnis lässt immer mehr nach, und er hat bereits viele Details seines letzten Falls vergessen, der ihn auch nach vielen Jahren nicht losgelassen hat. Condon schildert sehr schön, wie bestimmte Details, das Krabbeln einer Biene oder ein Duft, verschüttete Erinnerungen wachrufen und Holmes in die Vergangenheit entführen. Die Art und Weise, wie diese Rückblenden in die eigentliche Handlung integriert sind, ist klug durchdacht und gut gemacht. Holmes erinnert sich aber nicht nur an Ereignisse kurz vor dem Ersten Weltkrieg, sondern auch an seine jüngste Japanreise, als er in den Ruinen von Hiroshima auf der Suche nach einem Heilkraut war und unvermittelt auf eine schmerzhafte Wunde in der Vergangenheit seines Gastgebers (Hiroyuki Sanada) stößt, die er mitverschuldet hat.

Zwei Themen stehen im Mittelpunkt der Geschichte: Zum einen geht es darum, welchen Einfluss unsere Worte und Taten auf die Entscheidungen anderer haben, Entscheidungen, die das Leben zahlreicher weiterer Menschen beeinträchtigen können. Zum anderen handelt die Story von Trauer und Verlust geliebter Menschen und der Einsamkeit, die ihre Abwesenheit in unserem Leben verursacht. Holmes hat sich zeit seines Lebens auf seinen brillanten Intellekt verlassen, aber auch er ist gegen Gefühle nicht gefeit.

Die Freundschaft zwischen Holmes und dem jungen Roger wird sehr zartfühlend geschildert, und Ian McKellen liefert wie immer eine beeindruckende Performance ab. Sein Holmes ist einerseits kühl und beherrscht, ganz der kultivierte Gentleman alter Schule, er leidet aber auch unter schweren Schuldgefühlen. Das ist eine solide Grundlage für ein packendes Drama, das nur leider einen schweren Nachteil hat: Der letzte Fall des Detektivs, in dem sein Urteilsvermögen eklatant versagt hat, ist ziemlich banal und leicht durchschaubar. Auch die Auflösung bleibt hinter den Erwartungen zurück und kann nicht vermitteln, warum Holmes gerade dieser Fall so stark belastet. Dazu wird diese Idee auch noch ein weiteres Mal benutzt, um die Nebengeschichte von Holmes’ Japanreise aufzuwerten, was etwas ungeschickt wirkt.

Die insgesamt eher schwache Story lebt vor allen von ihrer großartigen Besetzung bis hin in kleinste Nebenrollen (Nicholas Rowe als Film-Holmes!) und den guten darstellerischen Leistungen. Von einem Sherlock Holmes hätte man sich aber mehr erwartet.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...