Avengers: Endgame

Von mir aus hätte der Film auch ein Jahr später starten können. Oder auch gar nicht, wie ich in meiner Kritik zu Avengers: Infinity War ausgeführt habe. Dennoch war ich ziemlich neugierig, wie die Macher die Geschichte zu Ende erzählen würden, weshalb ich mir den Film gleich zum Start angesehen habe. Falls es jemanden geben sollte, der ihn noch nicht kennt – es gibt Spoiler!

Avengers: Endgame

Kurz bevor sich Nick Fury (Samuel L. Jackson) in Asche aufgelöst hat, schickte er ihr noch eine Nachricht: Carol Danvers (Brie Larson) kommt deshalb gerade noch rechtzeitig, um zusammen mit Tony Stark (Robert Downey Jr.), Thor (Chris Hemsworth), Captain Marvel (Chris Evans), Black Widow (Scarlett Johansson) und den anderen Überlebenden der Schlacht von Wakanda einen Rachefeldzug gegen Thanos (Josh Brolin) zu starten. Tatsächlich besiegen sie ihn, doch die Infinity-Steine wurden zuvor bereits von ihm zerstört. Fünf Jahre später ist die Welt eine andere, die Menschen leiden noch immer unter dem Verlust ihrer Liebsten, und auch die Superhelden versuchen, sich irgendwie in dieser neuen Realität zurechtzufinden. Eines Tages kehrt Scott Lang (Paul Rudd) von seinem unfreiwillig verlängerten Aufenthalt im Quantensubraum zurück und stellt einen kühnen Plan in den Raum: Könnte man Thanos nicht mit seinen eigenen Waffen schlagen, indem man die Steine in der Vergangenheit stiehlt, bevor er sie findet?

Also eine Zeitreise. Wir haben es ja bereits nach dem ersten Teil geahnt (oder befürchtet), dass es darauf hinauslaufen würde, auch wenn ich gehofft hatte, dass sie sich etwas Besseres einfallen lassen würden. Etwa Thanos von Captain Marvel vermöbeln zu lassen, ihm den Handschuh mit den Steinen abzunehmen und so seinen Fehler zu korrigieren. Abgesehen davon ist es wirklich schade, dass die Avengers zuvor niemanden in ihrem Team hatten, der die Zeit beherrscht und das Problem bereits viel früher und wesentlich einfacher hätte in Angriff nehmen können. So jemanden wie Dr. Strange beispielsweise, der viel lieber vierzehn Millionen Möglichkeiten durchgespielt hat, wie sie Thanos besiegen können, ohne dass er sich dabei verausgaben muss. Und von den anderen vertanen Chancen, Thanos bereits in Infinity War zu besiegen, will ich erst gar nicht anfangen.

Ich kann ja verstehen, warum sie sich für diese Option ausgesprochen haben, denn sie bietet bei einem Film, der eine ganze Reihe abschließen soll, die wunderbare Möglichkeit, vergangene Ereignisse noch einmal Revue passieren und verstorbene Figuren wieder auftauchen zu lassen. Wie wichtig ihnen dieser nostalgische Aspekt ist, zeigt sich auch daran, dass sie ihm zuliebe sogar auf eine Menge Action verzichten. Verglichen mit Infinity War, in dem es spannende Kämpfe zwischen den Helden und Thanos oder seinen Helfershelfern gegeben hat, wirkt Endgame aber eher wie eine Schnitzeljagd, die erst am Schluss so richtig aufdreht.

Das Ende ist dennoch einigermaßen befriedigend, wenn auch die epische Schlacht im Showdown ein wenig zu dunkel und konfus inszeniert wurde, aber es gibt für jeden Helden einen netten Auftritt und weniger Verluste unter ihnen als man befürchtet hatte. Am Ende sind nur drei Superhelden wirklich tot und einer nimmt sich freiwillig aus dem Spiel, das hätte schlimmer laufen können.

Ärgerlich ist es nur, wenn man genauer darüber nachdenkt und feststellt, dass die Zeitreisen dazu führen, dass Thanos sich gar nicht erst auf die Suche nach den Infinity-Steinen machen kann, weil er zu dem Zeitpunkt bereits tot ist. Dumm gelaufen. Befinden wir uns also nun in einem Paralleluniversum, einer neuen Zeitline oder in einem Gedankenkonstrukt, das das mentale Äquivalent zum Gordischen Knoten ist? Ich weiß, ich klinge wie ein Logik-Fanatiker von Vulcan, aber ich möchte mir als Zuschauer auch nicht ein X für ein U vormachen lassen. Aber, wie ich schon sagte, sehr viel ärgerlicher ist es, dass die Zeitreisen komplett unnötig sind.

Wenn wir all diese Aspekte einfach mal beiseitelassen, bleibt am Ende immer noch ein recht unterhaltsamer, stellenweise sogar ziemlich amüsanter Film übrig, der geschickt an einige der früheren Filme erinnert und den Superhelden einen würdigen Abschied ermöglicht. Jeder – sogar einige prägnante Nebenfiguren – bekommt seinen besonderen Auftritt, diejenigen, die dauerhaft ausscheiden, dürfen noch einmal richtig glänzen, andere bürsten ihr Image gegen den Strich, und in der Schlacht entscheidet die Frauenpower über den Sieg. Das alles ist so gut gemacht, dass man am Ende einigermaßen zufrieden aus dem Kino geht. Man darf halt nur nicht über die Handlung nachdenken.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...