Spider-Man: Far From Home

Spider-Man ist mir der liebste Superheld. Vermutlich liegt das daran, dass er ein Teenager ist und dementsprechend größere Probleme hat, seine neuen Kräfte zu verstehen. Die Verwandlung in einen Superhelden mit außergewöhnlichen Fähigkeiten kann man ja durchaus auch als eine Metapher auf das Erwachsenwerden verstehen, und insofern passt diese Metamorphose zu Peter Parker besser als zu jedem anderen.

Außerdem ist er ein liebenswerter Nerd, ein klassischer Außenseiter, für den immer das Herz der Zuschauer schlägt. Und dass er seine Fähigkeiten vor aller Welt verheimlichen muss, nie die Anerkennung erhält, die er verdient, und sich ansonsten durch den Schulalltag und seine Liebesnöte schusselt wie jeder andere Teenager auch, macht ihn einfach zum perfekten Superhelden. Ich habe mir letztes Wochenende daher sofort den neuen Marvel-Film angesehen und ja, es gibt einen kleinen SPOILER!

Spider-Man: Far From Home

Peter Parker, alias Spider-Man (Tom Holland), geht auf Klassenfahrt und hat dabei nur ein Ziel: seiner angebeteten MJ (Zendaya) auf dem Eifelturm seine Zuneigung zu gestehen. Dumm nur, dass ständig Nick Fury (Samuel L. Jackson) anruft, um ihn für einen Auftrag zu rekrutieren. In Venedig, der ersten Station der Klassenreise, werden die Schüler von einem Wassermonster angegriffen, das ein neuer Superheld erfolgreich bekämpft: Mysterio (Jake Gyllenhaal) stammt angeblich aus einem Paralleluniversum, das von diesen Elementals zerstört wurde. Nun will er unsere Erde vor demselben Schicksal bewahren. Peter überlässt ihm nur zu gerne diesen Job, hat er doch sowieso nur MJ im Kopf, doch das stellt sich schon bald als Fehler heraus …

Wäre Peter nicht so schrecklich verliebt, wäre der ganze Film anders verlaufen. Er mag zwar ein Avenger sein, über Superkräfte verfügen und sich mit Aliens im Weltall herumgeschlagen haben, aber wenn es um die Liebe geht, ist Spider-Man genauso verpeilt wie jeder andere Teenager auch. Das macht ihn ungeheuer sympathisch, auch wenn man nicht so ganz versteht, warum sein Herz eigentlich an MJ hängt. Aber das ist okay.

Dass Peter zu vertrauensselig ist, kann man auch verstehen, er ist eben die nette Spinne aus der Nachbarschaft, und selbst in Queens gibt es wohl noch einen Vertrauensvorschuss gegenüber Fremden. Ganz besonders, wenn diese nett, höflich und mit Superkräften ausgestattet sind und einem gerade den Allerwertesten gerettet haben. Peter hat Wichtigeres zu tun, als sich mit der Weltrettung zu beschäftigen, deshalb übergibt er das Erbe Tony Starks, ein KI-gesteuertes Computer- und Waffensystem, seinem neuen Kumpel, um sich dann wieder seinen Herzensangelegenheiten zu widmen.

Natürlich ein großer Fehler, den auszubügeln, Spider-Man eine Menge abverlangt. Positiv zu vermerken ist, dass er dabei seiner Herzensdame etwas näherkommt. Neben diesem niedlichen Teenager-Plot gibt es noch einige ernstere Töne in der Geschichte: Peter trauert nach wie vor um seinen Mentor Tony Stark, und auch die Welt ist noch immer nicht wieder im Lot. Die von Thanos kurzzeitig ausgelöschten Menschen haben Probleme, sich in einer Welt zurechtzufinden, in der ihnen fünf Jahre fehlen. Sogar Nick Fury ist davon nicht ausgeschlossen.

Dieser Zustand der Ungewissheit passt sehr gut zum Abschluss der aktuellen Marvel-Phase. Die ersten Superhelden sind entweder tot oder ausgeschieden, und außer den Produzenten weiß keiner so recht, was als nächstes kommt. Immerhin ist Spider-Man in dieser Zeit eine feste Konstante, eine vertraute, liebgewonnene Figur, die sich nicht geändert hat. Auch knüpft Spider-Man: Far From Home mit seinem flapsigen Tonfall gekonnt an seinen Vorgänger an und unterhält auf angenehme Weise.

Nur die Geschichte um Mysterio selbst ist reichlich dünn und nicht ganz überzeugend. Immerhin handelt sie von Täuschung und Betrug an der Öffentlichkeit, die von einer Führungsfigur ohne Format, aber mit überreichlich viel Selbstbewusstsein und einem gewissen Charisma an der Nase herumgeführt wird. Nichts ist, wie es scheint – das alles kommt einem schrecklich bekannt vor …

Von einigen Defiziten im Storytelling abgesehen, ist der Film rundherum unterhaltsam, stellenweise erstaunlich emotional und gewohnt witzig. Einer der besseren Marvel-Filme.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...