Traumfabrik

Bei manchen Filmen weiß man bereits nach den ersten Minuten, dass sie großartig werden und man sie für alle Zeiten ins Herz schließt. Und dann gibt es Filme, bei denen man schon nach den ersten Szenen zum Schluss kommt: Oje, das wird nichts mehr …

Traumfabrik

1961 verlässt Emil (Dennis Mojen) die Volksarmee, um in den DEFA-Studios als Komparse zu arbeiten. Weil er sich dabei denkbar ungeschickt anstellt und für großen Schaden sorgt, erhält er schon bald vom Direktor (Heiner Lauterbach) Hausverbot. Während seiner Arbeit begegnet er jedoch Milou (Emila Schüle), die zwar ausgebildete Tänzerin ist, aber als Assistentin einer französischen Diva arbeitet, und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Als sie wegen des Mauerbaus nicht zu einem Rendezvous erscheinen kann, beschließt Emil, einen Film zu inszenieren, in dem ihre Chefin die Hauptrolle spielen soll. Nur so, glaubt er, kann er Milou wiedersehen, doch als es schließlich so weit ist, ist sie bereits mit Omar (Nikolai Kinski) verlobt …

Eines muss man dem Film von Regisseur Martin Schreier zugutehalten, er hat einen ansprechenden Look und eine tolle Grundidee, die er selbst mit Tom Zickler, Arend Remmers und Sebastian Fruner zu einem – leider misslungenen – Drehbuch weiterentwickelt hat. Studio Babelsberg, das vermehrt selbst produzieren will, hat hier einen Leistungskatalog abgeliefert, der sich wirklich sehen lassen kann. Egal, ob Historiendrama oder Piratenfilm, sie können einfach alles, die Kostüme sehen klasse aus, die Kulissen sind großartig und auch die Effekte sind gelungen. Alles scheint hier möglich zu sein, in der Traumfabrik Babelsberg.

Das gilt leider nicht für den Film. Schon wenn Emil das Studio betritt und Gladiatoren, Soldaten und Revuetänzerinnen begegnet, weiß man, hier weht der Wind von Hollywood. Das ist aber so unbeholfen und aufdringlich und klischeebeladen inszeniert, dass es sofort den gegenteiligen Effekt erzielt: Anstatt zu beeindrucken und zum Träumen einzuladen, fühlt man sich im falschen Film. Das ist aber nicht das eigentliche Problem.

Im Zentrum der Story steht eine Liebesgeschichte. Noch dazu eine magische, denn Emil verliebt sich auf den ersten Blick in Milou, sobald er sie aus der Ferne betrachtet und ihre Melancholie bewundert – und sie ihm den Stinkefinger zeigt. Die ironische Brechung ist wunderbar, ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Szene komplett in die Hose geht. Weder gelingt es Dennis Mojen, seine Verliebtheit wirklich deutlich zu machen, noch begreift man als Zuschauer, warum er sich überhaupt in Milou verliebt. Und dass zwischen den Beiden keinerlei Chemie existiert, macht das Ganze noch viel schlimmer. Weil die Liebesgeschichte nicht funktioniert, bricht das Fundament der eigentlichen Story weg, und der Rest wird dann auch noch schlecht erzählt.

Dass ein schlichter Komparse einen Film inszenieren will, um ein Mädchen zu beeindrucken, ist ja eine schöne Idee, nur wird sie so klischeebeladen umgesetzt, dass der Fachmann sich an den Kopf greift und der Laie aufstöhnt, weil er das alles schon tausendmal gesehen hat. Natürlich schreibt Emil das Drehbuch zusammen mit seinem Bruder (Ken Duken) mal eben über Nacht, und dann kommt es noch zu einer Verwechslung, die dem geschassten Emil unter falschem Namen ein Produzentenbüro einträgt, was schon in den Fünfzigerjahren, als man das zuletzt gesehen hat, nicht sonderlich originell war.

Vielleicht hätte man trotz allem noch etwas retten können, hätte man sich auf die Umstände jener Zeit besonnen. Aber die zaghafte Kritik am DDR-Regime verpufft ebenso wie jeder Versuch, ein bisschen politisch zu werden. Der Mauerbau bleibt ein unsichtbares Hindernis der Liebenden, die Einmischung durch das Politbüro, die wunderbar witzig hätte ausfallen können, fällt gleich ganz aus. Stattdessen wurstelt sich Emil als Regisseur ebenso durch die Dreharbeiten wie Schreier durch ein flaches, vorhersehbares Drehbuch und produziert vor allem eines: Langeweile.

Dass Emilia Schüle eine Tänzerin spielt und nicht tanzen kann, fällt da schon kaum noch ins Gewicht, ebenso wie die vielen vertanen Chancen, aus der hübschen Grundidee einen brauchbaren Film zu machen. Traumfabrik soll von der Magie des Filmemachens erzählen, endet aber nur als peinliches Klischee von Hollywood. Wirklich schade.

Note: 4-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...