Cuban Fury

Facebook nervt momentan ein wenig. Vor zehn Jahren, als es noch cool war, war die Plattform ideal, um über den Alltag weit entfernt lebender Freunde und Verwandte informiert zu sein, zu wissen, wohin sie in den Urlaub fahren und was sie zum Frühstück gegessen haben. Doch immer mehr Menschen, mich eingeschlossen, posten immer weniger, weshalb man sich tatsächlich bemühen muss, Kontakt zu halten, um persönlich nach den Frühstücksgewohnheiten zu fragen.

Dafür bekommt man auf Facebook immer mehr ungefragte Post präsentiert. Ich rede hier nicht nur von Werbung, die auf einem supergeheimen und die persönlichen Bedürfnisse zugeschnittenen Algorithmus basiert, weshalb ich ständig Reklame für Strumpfhosen oder Baumaschinen bekomme, sondern von Beiträgen, die von Interesse sein könnten. Bei mir sind es vor allem Ausschnitte aus BBC Shows. Immerhin liegen sie da ausnahmsweise einmal richtig.

Vor einigen Wochen sah ich auf diese Weise einen Ausschnitt aus der Graham Norton Show, in der Olivia Colman den Film Cuban Fury bewarb. Witzig war, dass sie sich weder an den Namen ihrer Figur noch an die Handlung erinnern konnte und versuchte, irgendwie zu vermitteln, worum es in dem Film ging. Das hat mich neugierig gemacht, weshalb ich mir den Streifen auf Prime angesehen habe.

Cuban Fury

Als Teenager entdeckte Bruce (Nick Frost) sein Talent für Salsa, nachdem er aber deswegen gehänselt und verprügelt wurde, hängte er das Tanzen an den Nagel. Nun ist er Anfang vierzig und kaufmännischer Angestellter mit einem ungeheuer nervigen Kollegen (Chris O‘Dowd), der ständig unangemessene Witz auf seine Kosten reißt. Als sie eine neue Chefin (Rashida Jones) bekommen und Bruce herausfindet, dass sie Salsa-Kurse belegt, glaubt er, in ihr seine Seelenverwandte gefunden zu haben, und setzt alles daran, ihr Herz zu erobern …

Ein dicker, ungelenker Brite versucht, den Latin Lover in sich zu finden und Salsa zu tanzen wie ein Profi. Das ist der Stoff, aus dem klassische cheerie movies gemacht sind, und Cuban Fury funktioniert perfekt nach diesem Grundmuster: Zuerst gibt es einige Misserfolge, dann reißt sich Bruce zusammen, bittet seinen ehemaligen Trainer (Ian McShane) um Hilfe, erlangt mit der Zeit sein Selbstvertrauen zurück und schafft es am Ende, seine Herzensdame zu erobern und mit ihr eine kesse Sohle aufs Parkett zu legen.

Ich glaube, ich verrate nicht zu viel, wenn ich hier bereits das Ende beschreibe, denn der Film bietet keinerlei Überraschung und macht auch gar nicht erst den Versuch, sonderlich originell zu sein. Es ist reine Standardware, noch dazu in der ersten Hälfte recht gemächlich erzählt, so dass ich nicht sicher war, ob ich überhaupt weiterschauen sollte. Doch Nick Frost spielt Bruce so überzeugend und sympathisch, dass man sich sofort auf seine Seite schlägt. Mit dem exaltierten Bejan (Kayvan Novak) gibt es eine herrlich aufgedrehte Nebenfigur, und auch Olivia Colman als Bruces Schwester hat einige wenige pointierte Sätze. So ist es letzten Endes das Ensemble, das einen bei der Stange hält.

In der zweiten Hälfte zieht das Tempo immerhin an, es gibt einige schmissige Salsa-Szenen und einen recht gelungenen Showdown. Der Höhepunkt der Geschichte ist jedoch ein absurdes Dance Battle zwischen Nick Frost und Chris O’Dowd, das man auf jeden Fall gesehen haben sollte.

Alles in allem recht unterhaltsame Massenware mit einem gut aufgelegten Ensemble und einem guten Schuss lateinamerikanischem Feuer.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...