Carnival Row

Fantasy steht gerade hoch im Kurs. Alle suchen nach einem neuen Harry-Potter-Franchise oder einer neuen Serie à la Game of Thrones. Prime verfilmt ja zur Zeit die Herr-der-Ringe-Saga neu, aber bis wir (wieder) ins Auenland zurückkehren werden, dürfte es noch eine Weile dauern. Für alle, die nicht so lange warten wollen, hat der Streamingdienst seit dem Herbst eine neue Serie im Programm, die von Travis Beacham (Kampf der Titanen, Pacific Rim) und René Echevarria (Medium) entwickelt wurde.

Der Schauplatz ist eine fiktive Welt, die stark an das viktorianische England erinnert. The Burgue ist ein republikanischer Stadtstaat, der wie eine Mischung aus London und Prag anmutet, und von Menschen und Fabelwesen gleichermaßen bevölkert wird. Nachdem vor einiger Zeit fremde Kontinente entdeckt wurden, auf denen Feen, Faune, Zentauren und Kobolde leben, wurde die Republik dort in einen langanhaltenden Krieg gegen den sogenannten Pakt verwickelt. Wie es dazu kam oder wer der ominöse Pakt, der vor keinem Kriegsverbrechen zurückzuschrecken scheint, eigentlich ist und was in dem weit entfernten Kampfschauplatz passiert, bleibt weitgehend im Dunkeln. Die Auseinandersetzungen haben jedoch zur Folge, dass immer mehr Wesen in die Burgue flüchten, sich dort als Dienstboten verdingen oder sich in der Carnival Row ansiedeln. Diese Straße avanciert zu einem sozialen Brennpunkt, denn die menschlichen Einwohner sehen es gar nicht gern, dass exotische Nicht-Menschen ihnen die Arbeitsplätze streitig machen oder sich überhaupt in ihrem Land aufhalten …

Manchmal muss man in fiktiven Stoffen die soziale Relevanz und die Parallelen zu unserer modernen Zeit suchen, manchmal – wie in diesem Fall – springen sie einem direkt ins Gesicht. Fremdenhass, die Angst vor der Globalisierung, die Auswüchse des Brexit ebenso wie die Veränderungen in Trumps Amerika finden hier ihren Spiegel. Das ist clever gemacht, sorgt für jede Menge Empörung und dramatischen Zündstoff.

Aber das allein macht noch keine Serie aus. Die eigentliche Geschichte handelt von einem Serienmörder, der zuerst eine Fee, dann den menschlichen Aufseher eines Waisenhauses und noch weitere Menschen tötet und grausam verstümmelt. Inspektor Philostrate (Orlando Bloom) ermittelt und zeigt dabei sehr viel Mitgefühl für Feen und andere Immigranten. Das bringt vor allem seine Vorgesetzten und Kollegen gegen ihn auf, die keinen Hehl aus ihrem Fremdenhass machen. Schon bald stellt Philostrate fest, dass all diese Morde mit einer Legende der Feen zu tun haben – und mit ihm selbst in Verbindung stehen.

Philostrate hat zudem eine Vergangenheit als Soldat im Feenreich, die in einer der acht Episoden erzählt wird. Dort lernt er Vignette (Cara Delevigne) kennen und verliebt sich in die zarte Fee. Doch die Fährnisse des Krieges trennen sie – bis Vignette eines Tages in die Burgue kommt und feststellt, dass Philostrate nicht, wie sie angenommen hat, tot ist, sondern sie schlichtweg verlassen hat.

Das emotionale Zentrum der gesamten ersten Staffel ist eindeutig Philostrate, der mehr als nur ein Geheimnis zu lösen hat und selbst einige verbirgt. Wie er den Fall aufklärt, ist recht solide geschildert, aber nicht so interessant wie die Aufdeckung seiner Lebensgeschichte, die voller Rätsel und Brüche ist. Beides führt ihn ins Zentrum der Macht und zu einer politischen Intrige, die sich im Hintergrund abspielt und den Kanzler (Jared Harris), seine Familie sowie seinen ärgsten Widersacher im Parlament involviert.

Darüber hinaus erzählen die Macher uns noch die Geschichte eines Geschwisterpaars aus der Oberschicht, das in Geldnöte gerät und mit seinem neuen, schwerreichen Nachbarn hadert – der einer der verhassten Einwanderer ist. Ich muss zugeben, dass dieser Handlungsstrang am schwächsten war und auch nur lose mit den anderen verbunden ist, aber zum Ende hin doch gewinnt.

Insgesamt ist es eine Serie, auf die man sich anfangs einlassen muss. Vieles ist kompliziert, manches unverständlich, weil unzureichend erklärt, aber dem eigentlichen Handlungsstrang kann man auch dann problemlos folgen, wenn man nicht genau weiß, wer wofür in der Politik steht oder wie die Bezeichnungen für die Fabelwesen nun genau lauten. Die ersten beiden Episoden sind daher die schwächsten, aber wenn man regelmäßig in die Carnival Row zurückkehrt, entwickelt die Serie einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann, und belohnt mit einem spannenden Ende.

Gerne mehr davon.

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...