Zero Dark Thirty

Zero Dark Thirty habe ich 2013 im Kino verpasst, obwohl ich fast alle Filme von Kathryn Bigelow auf der großen Leinwand gesehen habe. Seit langem wollte ich den Film auf Amazon Prime nachholen, aber wie das oft so ist: Man muss für manche Filme einfach in der richtigen Stimmung sein. Nachdem ich jedoch The Report gesehen habe, war ich endlich bereit dafür, schließlich gibt es einen engen inhaltlichen Zusammenhang zwischen den beiden Produktionen.

Zero Dark Thirty

Die CIA-Agentin Maya (Jessica Chastain) wird 2003 nach Afghanistan und Pakistan versetzt, um sich dem Team um Dan (Jason Clarke) und Jessica (Jennifer Ehle) auf der Jagd nach Osama bin Laden anzuschließen. Als Maya von der Existenz eines Boten hört, der zwischen bin Laden und seinen Stellvertretern in diversen Ländern hin- und herreist, hat sie endlich eine heiße Spur. Es soll aber noch viele Jahre dauern, bis diese sie zum Versteck des Top-Terroristen führen wird …

Die Anschläge vom 11. September 2001 bedeuten eine Zäsur in der Weltgeschichte – und stellen das größte nationale Trauma der USA seit Ende des Vietnamkriegs dar. Der Krieg gegen den Terror hat die amerikanischen Geheimdienste dazu gebracht, selbst Gefangene zu foltern, um auf diese Weise Informationen zu erlangen. Wie wir nun spätestens seit dem Film The Report wissen, haben sie dadurch jedoch keine einzige wirklich relevante Information erlangt.

Kathryn Bigelow und ihr Drehbuchautor Mark Boal scheinen jedoch den CIA-Lügen aufgesessen zu sein, denn sie lassen Maya den Hinweis auf die Existenz des Boten durch andauernde massive Folter erlangen. Auch später wird immer wieder in meist negativer Form auf das Folterverbot hingewiesen, durch das der CIA ein wichtiges Instrument zur Informationsgewinnung aus den Händen genommen wurde. Das wurde Bigelow und dem Film massiv vorgeworfen und hat in der Tat ein gewisses Geschmäckle.

Dabei funktioniert die Geschichte auch ohne die – nur anfangs gezeigte – Folter. Vielmehr stehen altbewährte Geheimdiensttugenden und die herkömmliche Ermittlungsarbeit im Fokus, die vor allem eine Menge Geduld erfordert. Geduld muss aber auch der Zuschauer aufbringen, denn man kann Maya beinahe in Echtzeit auf der Jagd nach bin Laden beobachten und ihr dabei zusehen, wie sie vor ihrem Computer sitzt, in dunklen Konferenzräumen Papiere hin- und herschiebt oder mit ihren Kollegen diskutiert.

Natürlich sieht man auch viel von der Feldarbeit, den mühsamen Observierungsaktionen der Außendienstmitarbeiter, und damit wenigstens hin und wieder ein Hauch von Spannung aufkommt, reinszeniert Bigelow verschiedene Terroranschläge, die sich in der Zwischenzeit in aller Welt ereignet haben. Damit weder Maya noch der Zuschauer vergessen, was hier auf dem Spiel steht.

Das größte Problem des Films ist jedoch seine Distanz zu seiner Hauptfigur. Maya bleibt ein funktionaler Charakter, zu dem man keinerlei emotionale Bindung aufbaut. Das einzige biografische Detail über sie erfährt man erst ganz am Ende aus dem Mund des CIA-Direktors (James Gandolfini): Maya ist direkt nach der High-School zum Geheimdienst gegangen. Im Grunde kennt sie nichts außer ihrer Arbeit, die ihr gesamtes Leben verschlingt. Eine Beziehung lehnt sie ebenso ab wie eine Pause von ihrer Jagd, um in die Heimat zurückzukehren, Familie scheint sie auch nicht zu haben. Maya ist besessen von ihrer Aufgabe, was auch das letzte Bild erklärt, wenn sie ihren Job erledigt hat und nun nichts mehr mit sich anzufangen weiß. Sie ist eine leere Hülle.

Als Figur ist sie daher nicht zu fassen und – viel schlimmer – geradezu unsympathisch. Dass sie selbst Anschläge überlebt oder später ihre beste Freundin verliert, nichts scheint sie wirklich zu berühren, zumindest nicht über den Moment hinaus. Diese Defizite würden nicht weiter ins Gewicht fallen, wenn der Rest wenigstens temporeich und interessant erzählt wäre, aber das Gegenteil ist der Fall: Selten war ein Film von Kathryn Bigelow so langsam, kalt und größtenteils langweilig.

Erst in der letzten guten halben Stunde kommt ein klein wenig Spannung auf, wenn das Einsatzkommando Osama bin Laden in seinem Versteck aufstöbert und ohne nennenswerte Gegenwehr erschießt. Kein Versuch, ihn lebend zu fassen und der Justiz zu überstellen, um der (arabischen) Welt zu zeigen, wie Demokratie und Rechtstaat funktionieren, sondern nur Vergeltung. Die Botschaft an all die neuen Anführer von Terror-Organisatoren, die bin Laden schon lange abgelöst haben, ist klar: Amerika vergisst nicht, und Amerika gewinnt immer.

Wer wissen will, wie die Suche nach Osama bin Laden (möglicherweise) ausgesehen hat, sollte sich den Film anschauen und kann ihn dabei durchaus interessant finden. Alle anderen können sich die zweieinhalb Stunden sparen.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...