Opening Night

Meine Suche nach neueren Komödien, die man sich tatsächlich anschauen kann, ohne sich dabei fremdschämen oder Niveau-Limbo spielen zu müssen, hat einen obskuren kleinen Film zutage gefördert, der mir von einem Freund empfohlen wurde. Nach Murder Mystery, der in Europa spielte, geht es heute nach New York, genauer gesagt: an den Broadway.

Einer der witzigsten Filme der Neunziger ist Noises Off! – Der nackte Wahnsinn von Peter Bogdanovich, der von einer Theatertruppe handelt, die ein Stück probt und später aufführt und dabei aufgrund ihrer diversen Probleme untereinander beinahe alles ruiniert. In gewisser Weise ist der Film, um den es heute geht, eine Neuinterpretation des Themas.

Opening Night

Nick (Topher Grace) hatte vor Jahren die Hauptrolle in einer kleinen Broadway-Produktion, die bereits nach der Premiere abgesetzt wurde. Seither hat er das Vertrauen in seine Fähigkeiten verloren und ist zynisch geworden. Als ausführender Produzent eines Musicals muss Nick nun am Premierenabend mit allerlei Problemen kämpfen, die seine exzentrischen Schauspieler und Mitarbeiter verursachen …

Wer schon einmal Theater gespielt hat, weiß von der besonderen Magie und der kreativen Energie, die sich während der Proben aufbaut und in der Aufführung schließlich entfaltet – oder eben auch nicht. Der Film spielt also bewusst mit diesem Nimbus, der durch die Tatsache, dass die Handlung am Broadway angesiedelt ist, noch potenziert wird. Außerdem nimmt das Buch von Gerry De Leon und Greg Lisi etliche Klischees aufs Korn und wandelt sich in komödiantische Perlen um.

Die Hauptdarstellerin (Anne Heche) hat ihre besten Zeiten schon lange hinter sich und ist eine launische Diva, die kurz vor ihrem Auftritt bewusstlos geschlagen und dann unter Drogen gesetzt wird. Ihr männlicher Gegenpart ist ein nicht mehr so junges und weniger prominentes Ex-Mitglied einer bekannten Boygroup (J.C. Chasez spielt sich selbst und beweist viel Sinn für Selbstironie). Außerdem ist er ein hemmungsloser Casanova, der es auf Nicks Ex-Freundin Chloe (Alona Tal) abgesehen hat – die Nick immer noch liebt. Darüber hinaus liefern sich zwei Sänger (Taye Diggs und Lesli Margherita) einen erbitterten Zweikampf um die Gunst eines jungen Tänzers.

Alles in dieser Geschichte ist überzeichnet und schrill, manchmal etwas überkandidelt, was aber gut zum Setting passt. Auch das Musical, das an dem Abend aufgeführt wird und aus einer Aneinanderreihung diverser One-Hit-Wonders besteht, nimmt einen ordentlichen Teil der Handlung ein, kann aber bei weitem nicht so fesseln wie das, was hinter der Bühne passiert. Dass dort fast noch mehr gesungen und getanzt wird als auf der anderen Seite des Vorhangs ist zwar wenig glaubwürdig – aber das spielt bei dieser Story nun wirklich keine Rolle mehr.

Es gibt eine Reihe von gelungenen Running Gags, die für eine Menge Spaß sorgen, und sogar für etliche Figuren einen Moment der Wahrheit, in denen sie sich mit ihren ureigenen Ängsten und Dämonen auseinandersetzen müssen. Überraschenderweise funktionieren diese ziemlich gut – nur bei Nick weiß man bis zuletzt nicht so recht, warum er eigentlich seine Karriere aufgegeben und sich von Chloe getrennt hat.

Sicher, die Story ist nichts Besonderes und darüber hinaus ziemlich überdreht, aber wer Spaß an genau dieser Art von Komödie hat, die es heutzutage praktisch nicht mehr gibt, ist hier sehr gut aufgehoben. Ein Geheimtipp.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...