Juliet, Naked

Erneut bin ich bei Amazon Prime fündig geworden, als ich auf der Suche nach einem heiteren Film mit romantischer Note war. Schließlich muss ja nicht immer um Mord, Totschlag oder den Weltuntergang gehen, nicht wahr? Der Trailer hat mir gut gefallen, die Besetzung ist ebenfalls gut, und die Vorlage stammt von Nick Hornby.

Juliet, Naked

Annie (Rose Byrne) ist seit 15 Jahren mit Duncan (Chris O’Dowd) liiert, aber ihre Beziehung hat schon lange den Schwung verloren, was vor allem daran liegt, dass sie gerne Kinder hätte, er aber nicht dazu bereit ist. Außerdem führt Annie seit dem Tod ihres Vaters das lokale Museum eines Küstenkleinstädtchens, eine Aufgabe, die die studierte Kunstexpertin stark unterfordert, und kümmert sich überdies um ihre Schwester. Duncans Leidenschaft gilt in erster Linie dem amerikanischen Indie-Rockmusiker Tucker Crowe (Ethan Hawke), der nur mäßig erfolgreich war und vor einem Vierteljahrhundert spurlos verschwunden ist. Als er die Chance erhält, eine frühe Studioaufnahme von dessen Album Juliet zu hören, ist Duncan begeistert – während Annie von seiner Obsession genug hat und im Forum von Duncans Fanseite einen bissigen Kommentar hinterlässt. Prompt meldet sich Tucker Crowe bei ihr, um ihr beizupflichten, und die beiden beginnen einen regen E-Mail-Wechsel …

Wenn man sich die Inhaltsangabe des Films anschaut, schreit alles geradezu nach Nick Hornby, und tatsächlich beruht die Geschichte auf einem seiner Romane, der auch nur in wenigen Details von der Filmhandlung abweicht. Die Wendung – eine Frau verliebt sich in das musikalische Idol ihres Ex-Freundes – macht neugierig. Bis Annie und Tucker sich allerdings persönlich begegnen, geschweige denn verlieben, dauert es jedoch nahezu bis zum – nur mäßig romantischen – Ende.

Viel Raum nimmt bis dahin vor allem Tuckers chaotisches Privatleben ein, in dem es von Ex-Frauen und Kindern nur so wimmelt. Allerdings hat Tucker sich nie sonderlich um seinen Nachwuchs gekümmert, außer um seinen jüngsten Sohn Jackson, an dem er sehr hängt. Nach und nach wird jedoch seine Vergangenheit entblättert, in der vor allem seine große Liebe Juliet eine Rolle spielt, nach der er sein Album benannt hat und die auch hier titelgebend ist. Nackt ist sie natürlich nicht, Juliet, Naked bezieht sich auf die Rohfassung des Albums, die die Geschichte ins Rollen bringt.

Tuckers Geschichte ist eine bittersüße Reminiszenz an die verlorene Jugend und einstigen Ruhm. Das Bekenntnis eines Mannes, der auf emotionaler Ebene komplett gescheitert ist und völlig aus der Bahn geworfen wurde. Vieles aus seiner Biografie wird jedoch nur angerissen und hätte durchaus noch weiter vertieft werden können, sowohl in dramatischer wie auch komödiantischer Weise. Witzig ist die Story vor allem dann, wenn Tucker mit seinen früheren Beziehungen konfrontiert wird und sich wie ein emotional gestörter Teenager verhält. Davon hätte man sich mehr gewünscht.

Diese problematische Backstory und mehr noch dieses emotionale Defizit macht es leider schwer, eine romantische Beziehung zu Annie zu erzählen. Rose Byrne gibt sich zwar viel Mühe, kommt aber gegen die recht oberflächliche Schilderung ihrer Figur nicht an. Immerhin ist Annie genau wie Tucker und Duncan eine verlorene Seele, jemand, der in einem Leben feststeckt, das in keiner Weise den früheren Erwartungen entspricht. Es sind letztlich diese gemeinsamen Enttäuschungen, die sie verbinden. Romantisch ist das jedoch nicht, wozu auch das offene, eher pragmatische Ende passt.

Der Film hat eine wunderbare erste Hälfte voller kleiner, überraschender Wendungen und interessanter Konstellationen, in denen viel Potential steckt, das jedoch nicht in Gänze genutzt wird. Man hätte mehr daraus machen können.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...