Crazy Rich

In diesen manchmal trübsinnigen Zeiten braucht man hin und wieder Ablenkung und Aufheiterung. Was wäre besser geeignet als eine harmlose Liebeskomödie, von denen es heutzutage ja immer weniger gibt, vor allem wenige, die einen Humor mitbringen, der nicht zum Fremdschämen einlädt. Der Film lief vor zwei Jahren bei uns in den Kinos, aber praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, was sehr schade war, denn es gab viele (mich eingeschlossen), die von dem großen Erfolg in den USA wussten und neugierig auf die Produktion waren. Aber inzwischen ist er bei Netflix erschienen und stand somit ganz oben auf meiner Watchlist.

Crazy Rich

Rachel (Constance Wu) ist eine smarte Wirtschaftsprofessorin in New York, die seit einiger Zeit eine glückliche Beziehung mit Nick Young (Henry Golding) führt. Als er zur Hochzeit seines besten Freundes in seine Heimat Singapur fliegt, bittet er sie daher, ihn zu begleiten, damit sie seine Familie kennenlernen kann. Doch vor Ort erfährt sie von ihrer Freundin Peik Lin Goh (Awkwafina), dass Nicks Familie zu den reichsten Clans des Stadtstaates gehört – und alles andere als einfach ist …

Es ist irgendwie bezeichnend, dass das „Asian“ im Titel bei uns verschämt weggelassen wurde, obwohl es im Romantitel auftaucht und jeder, der sich für den Film interessiert, weiß, mit welcher Ethnie er es hier zu tun hat. Selbst in der fernen Vergangenheit des Jahrs 2018 konnte man durchaus den Deutschen eine gewisse Weltoffenheit und Neugier auf Diversität zutrauen, weshalb diese Änderung unverständlich erscheint. Aber egal.

Schon die Romanvorlage von Kevin Kwan, der ebenfalls aus einer reichen, berühmten Familie stammt, war ein großer Erfolg, und da die Filmadaption überaus erfolgreich in den USA (und natürlich auch in Singapur) war, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch seine beiden Fortsetzungen verfilmt werden. Man darf also gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht.

Der Titel weckt bereits einige Erwartungen an eine fremde, exotische Welt mit schrägen Figuren, bizarren Marotten und finsteren Intrigen um gewaltige Vermögen. Und genau das bekommt man auch, garniert mit einer zuckersüßen Liebesgeschichte, die so vorhersehbar ist wie der Wetterbericht in der Wüste Gobi.

Aber ist das ein Problem? Alle Liebeskomödien sind vorhersehbar, und entscheidend für den Erfolg sind in erster Linie nicht ihre Originalität, sondern die Art und Weise, wie sie erzählt werden. Crazy Rich wartet mit einer Fülle witziger Nebenfiguren und zahlreichen gelungenen Szenen auf, die sämtliche Erwartungen der Zuschauer erfüllen. Vor allem die erste Hälfte, in der die ahnungslose Rachel in eine ihr fremde Welt hineinstolpert, macht eine Menge Spaß und erinnert bisweilen an Filme wie Der Teufel trägt Prada.

Leider – und auch das passiert in den meisten Liebeskomödien – fällt die Geschichte im zweiten Teil deutlich ab. Hier tritt der Humor zugunsten des Dramas zurück, und die Intrigen, denen sich Rachel ausgesetzt sieht, befinden sich allenfalls auf der Höhe eines High School-Dramas. Interessant ist lediglich ihr Geplänkel mit Nicks Mutter, die von Michelle Yeoh mit unterkühlter Emotionalität gespielt wird. Hier hätte das Drehbuch durchaus einen tieferen Einblick in die Psyche der Beteiligten erlauben können.

Alles in allem ist der Film jedoch sehr unterhaltsam, wunderbar bebildert und voller lustiger Momente und schräger Figuren. Genau das richtige, um sich in dieser Zeit vom grauen Alltag abzulenken.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...