The Endless

Auf der Suche nach interessanten Filmen, von denen man noch nie gehört hat, die aber einen gewissen Ruf bei den Nerds (oder solchen, die sich dafür halten) genießen, bin ich auf The Endless gestoßen. Die Filme von Aaron Moorhead und Justin Benson, zu denen noch Spring: Love is a Monster gehört, scheinen tatsächlich eine kleine, treue Fangemeinde zu besitzen. Der Trailer zu der Produktion, die bei Amazon Prime zu sehen ist, hat mich auf jeden Fall neugierig gemacht.

The Endless

Als Kinder sind die Brüder Aaron (Aaron Moorhead) und Justin (Justin Benson) nach einem Autounfall, bei dem ihre Eltern starben, von einer Ufo-Sekte aufgenommen worden. Irgendwann realisierte Aaron jedoch, dass die Gruppe einen Massen-Selbstmord plant, und brachte seinen Bruder fort. Rund zehn Jahre später leben die inzwischen erwachsenen Brüder unter prekären Umständen und hangeln sich von einem schlecht bezahlten Job zum nächsten. Als eines Tages eine Videokassette bei ihnen auftaucht, die aus dem Camp stammt, möchte Justin noch einmal dorthin zurückkehren …

Kindheitserlebnisse werden gerne verklärt, und da die Erinnerung bekanntlich das einzige Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben werden können, kann man Justins Nostalgie durchaus verstehen. Andererseits stellt sich von Anfang an die Frage, ob man wirklich einfach so eine selbstmörderische Ufo-Sekte, aus der man geflohen ist, besuchen kann, ohne gleich wieder von ihr einkassiert zu werden.

Erstaunlicherweise geht das, und das ist ein Kniff, der für Verwunderung und Irritation sorgt, weil er die eigene Erwartungshaltung komplett unterläuft. Aaron und Justin werden mit offenen Armen empfangen, bekommen gutes, selbst angebautes Essen und treffen all ihre alten Freunde wieder. Das ist fast zu schön, um wahr zu sein, zumal sich herausstellt, dass keiner ihrer Freunde gealtert ist. Auch sonst passieren einige merkwürdige Dinge, die darauf hindeuten, dass an dem Kult, der eine galaktische Gottheit in den Wäldern verehrt, vielleicht mehr dran ist, als Aaron dachte.

Die Ausgangssituation ist, wenn man den anfänglichen Zweifel überwunden hat, tatsächlich eine gute Position, um einen raffinierten Mystery-Thriller zu erzählen. Der Stoff bietet überdies genug Material, um auch auf der Meta-Ebene zu funktionieren, wenn auch nicht so recht klar wird, was Moorhead und Benson, die das Buch geschrieben, Regie geführt, sich um Schnitt und Kamera gekümmert sowie die beiden Hauptrollen gespielt haben, eigentlich erzählen wollen. Die Geschichte könnte eine Metapher über Religionen und ihre Anhänger sein, genauso gut aber auch von der Hölle, Depressionen oder anderen Dingen handeln. Vieles an der Geschichte ist einfach zu beliebig erzählt, um wirklich mit einer Botschaft zu überzeugen. Tatsächlich behaupten die beiden, dass ihr Film ein Aufruf zur Nonkonformität ist, was auch irgendwie passt.

Nach einer Stunde wird das Rätsel, was es mit der Sekte tatsächlich auf sich hat, aufgelöst, aber dann fangen die Fragen eigentlich erst an. Und die beiden Macher bleiben einem so gut wie jede Antwort schuldig. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn man im Gegenzug wenigstens den beiden Hauptfiguren nahekommen würde, aber auch ihre persönlichen Konflikte spielen eigentlich keine Rolle. Das ist wirklich schade und ist vor allem für die zahlreichen kleineren Längen verantwortlich, die der Film besonders in der zweiten Hälfte hat. Auch etwas mehr Tempo und Spannung hätte sicherlich geholfen.

Insgesamt besitzt der Film durchaus die eine oder andere Qualität, er ist rätselhaft, überzeugt in vereinzelten Momenten mit überraschenden Einfällen und besitzt eine düstere Atmosphäre, schafft es jedoch nicht, daraus ein packendes Gesamtkonzept zu kreieren.

Note: 4+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...