Nur die halbe Geschichte

Bei Netflix und Prime scheint die Welt (noch) in Ordnung zu sein, denn beide Streamingdienste bringen nach wie vor eine Menge Inhalte unter ihre Abonnenten. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man jedoch auch hier die Auswirkungen der Pandemie: Synchronarbeiten mussten unterbrochen werden oder konnten nicht stattfinden, weshalb z.B. die Serie Hollywood nur im Original zu sehen ist, andere Produktionen mussten ganz verschoben werden. Im Augenblick sieht das Programm zwar noch gut aus, aber die Frage ist, wie sich das in den nächsten Monaten entwickeln wird.

Im Kino sieht es nicht viel anders aus, viele Dreharbeiten und Starttermine wurden nach hinten geschoben, so dass wir früher oder später auf dem Trockenen sitzen dürften. Zu entdecken gibt es immer noch genug, aber auf Projekte, denen man als Fan entgegenfiebert, wird man wohl noch länger warten müssen.

Einer der neueren Netflix-Filme, die gerade veröffentlicht wurden, ist eine der typisch amerikanischen Geschichten aus der High School, deren Trailer mich angesprochen hat:

Nur die halbe Geschichte

Ellie Chu (Leah Lewis) ist das Kind chinesischer Einwanderer in einer amerikanischen Kleinstadt. Sie ist schüchtern, still, aber aufgeweckt und intelligent, weshalb sie für ihre Mitschüler die Aufsätze verfasst und damit Geld verdient. Eines Tages wendet sich Paul (Daniel Diemer), ein Mitglied des Footballteams, an sie mit einer ausgewöhnlichen Bitte: Er ist in die hübsche, smarte Aster (Alexxis Lemire) verliebt und möchte, dass Ellie einen Liebesbrief für ihn verfasst …

Die Geschichte von Cyrano de Bergerac diente schon so oft als Vorlage für Filme, dass man diese bereits in einem Subgenre zusammenfassen könnte. Das Strickmuster ist immer dasselbe: Der Dichter verfasst leidenschaftliche Liebesbriefe für einen Freund an eine unbekannte Geliebte, für die er selbst Gefühle entwickelt. Auch Autorin und Regisseurin Alice Wu bedient sich bei diesem Plotmuster und wirbelt anschließend die Gefühle der Beteiligten kräftig durcheinander. Was bei hormongeplagten Teenagern eine leichte Übung ist – und daher auch immer glaubwürdig.

Das zweite Klischee, dessen sie sich bedient, ist das Konzept der Seelenverwandtschaft nach Platon. Darauf bezieht sich auch der Originaltitel The Half Of It. Doch Ellie betont bereits zu Beginn des Films in ihrem Off-Kommentar, dass dies keine jener harmlosen Liebeskomödien ist, und sie stellt auch später so einiges in Frage, was das Fundament einer amerikanischen Kleinstadt ausmacht: Die Vorstellungen von Familie und häuslichem Glück, den Glauben an Gott und vor allem den Glauben an die Liebe.

Was daher wie eine x-beliebige Teenie-Komödie nach einem bekannten Schema beginnt, verwandelt sich in eine lesbische Coming-Out-Story, eine platonische Liebesgeschichte und zuletzt in eine robuste Story über Selbstfindung, die auf mehreren Ebenen funktioniert und ganz nebenbei gesellschaftliche Konventionen in Frage stellt. Denn nicht nur Ellie verändert sich und ihren Blick auf die Welt, auch Paul und Aster bekommen dank Ellie neue Denkanstöße und gewinnen mehr Selbstvertrauen. Das alles ist gut erzählt und lebt vor allem von den liebevoll gezeichneten Figuren.

Alles in allem ein schöner, in seinen besten Moment witziger und warmherziger Film über das Erwachsenwerden. Sehenswert.

Note: 2-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...