A Most Wanted Man

Als Philip Seymour Hoffman 2014 unerwartet an einer Überdosis oder einem Mix verschiedener verschreibungspflichtiger Medikamente starb, war das ein Schock, vergleichbar mit dem Tod von Heath Ledger. Die letzte Rolle, die Hoffman gespielt hat, war in A Most Wanted Man, einer John le Carré-Verfilmung, die in Hamburg gedreht wurde. Jetzt bin ich endlich dazu gekommen, sie mir anzusehen.

A Most Wanted Man

Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) ist der Leiter einer Sondereinheit des Hamburger Landesamtes des Verfassungsschutzes, die auf Anti-Terror-Ermittlungen spezialisiert ist. Sie verdächtigen Dr. Abdullah (Homayoun Ershadi), den Vorsitzenden einer Hilfsorganisation, Teile der Spendengelder zu veruntreuen und an Terrororganisationen weiterzuleiten. Während ihrer Ermittlungen taucht ein junger Mann illegal in Hamburg auf: Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) ist der Sohn eines russischen Offiziers und einer Tschetschenin, wurde in Russland und in der Türkei wegen Terrorvorwürfen inhaftiert und gefoltert und will nun an das Erbe seines Vaters herankommen. Dieser hat rund zehn Millionen Euro beiseitegeschafft und bei der Bank von Tommy Brue (Willem Dafoe) deponiert. Die junge, engagierte Menschenrechtsanwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) hilft ihm dabei. Doch Issa ins längst ins Visier des BND und der CIA geraten, die ihn für einen Terroristen halten. Sie wollen ihn verhaften, doch Bachmann hat eine Idee: Er will Issa als Köder für Abdullah benutzen …

Mit dem Kalten Krieg rückten die Spione immer stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, wurden immer häufiger zu Helden von Romanen und Filmen und damit zum Gegenstand der Spekulation. Geheime Identitäten, versteckte Operationen und gerissene Gegner – das Leben eines Agenten ist voller Abenteuer und Gefahren. Vor allem Ian Fleming mit seinen Büchern über James Bond hat unser Bild der Spione geprägt und damit ein Klischee erschaffen. John le Carré, der ab den 1960er Jahren seine Romane veröffentlichte, setzte sich insofern davon ab, dass seine Figuren psychologisch ausgefeilter waren. Die Einteilung in gute Amis oder Briten auf der einen und böse Russen auf der anderen Seite gab es bei ihm nicht.

Außerdem sind seine Werke immer gut recherchiert und damit authentisch. Das merkt man auch bei den Verfilmungen, die immer weniger spektakulär aussehen als jene in der Bond-Filmreihe. Auch in A Most Wanted Man hat man das Gefühl, einer tatsächlichen Behörde bei der Arbeit zuzusehen.

Bachmann hat ein prominent besetztes Team an seiner Seite, zu dem Nina Hoss, Daniel Brühl, Kostja Ullmann und Vicky Krieps gehören, die – mit Ausnahme von Hoss – allesamt zu Statisten degradiert werden. Das ist schade, gibt Hoffman aber den Raum zum Glänzen. Seine Performance ist wie immer großartig, sein Geheimdienstler ein müder, von den Dämonen der Vergangenheit geplagter, von seiner Arbeit besessener Mann, der gegen die Windmühlen der Bürokratie kämpft und im Gerangel mit seinen einflussreicheren Kollegen vom BND oder der CIA (Robin Wright in einer Nebenrolle) den Kürzeren zieht.

Schade ist aber, dass hinter dieser One-Man-Show auch die Geschichte zu kurz kommt. Gerade Issa ist eine faszinierende Figur, das Produkt zweier Welten, entstanden aus einer Beziehung, die mit einer Vergewaltigung im Krieg begann. Issa ist ein Getriebener, der brutal gefoltert wurde und seine russische Herkunft ablehnt, indem er zum Islam konvertiert. Seine Vergangenheit bleibt weitgehend im Dunkel, die Terror-Vorwürfe sorgen für Unsicherheit, doch leider macht Drehbuchautor Andrew Bovell nichts daraus. Es gibt keine Momente des Zweifels, ob Issa nicht vielleicht doch böse Absichten verfolgt, keine Rätselspannung, die den Zuschauer bei der Stange halten könnte.

Stattdessen konzentriert sich die Story auf das Gerangel zwischen den Diensten und den Versuch, zuerst Richter und dann Brue dazu zu bringen, mit Bachmann zusammenzuarbeiten. Das alles hat man jedoch so oder so ähnlich bereits gesehen und ist nicht wirklich interessant. Als Zuschauer, der schon mal einen Agentenfilm gesehen hat, versteht man die Zusammenhänge schnell und weiß früh, in welche Richtung sich alles entwickeln wird. Und genau so kommt es auch. Erst in der Schlussszene gibt es eine Überraschung, die einen tatsächlich noch emotional berührt, aber sie kommt zu spät.

Solide Carré-Verfilmung, die jedoch eher ein Kammerspiel als ein Agententhriller ist und deren Geschichte zu geradlinig und vor allem ohne Spannung verläuft. Schade, man hätte mehr daraus machen können.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...