Mudbound

In unseren eurozentrischen Nachrichten hört man seit ein paar Wochen nicht mehr viel von den Protesten in den USA, doch man sollte sich nicht täuschen: Die Demonstrationen gehen weiter, und Black Lives Matter ist nach wie vor eine starke Bewegung.

Es gärt gewaltig in den USA, was nicht zuletzt an einem Präsidenten liegt, der ganz offen rassistische Äußerungen von sich gibt und so noch weiter Öl ins Feuer gießt. Vor einigen Wochen wurde auch viel über eine Reihe merkwürdiger Todesfälle geredet: Mehrere Afroamerikaner wurden an Bäumen aufgehängt vorgefunden. Selbstmord, sagen manche, andere halten die Häufung dieser, an die schreckliche Praxis des Lynchmords erinnernde Vorfälle für das Resultat rassistischer Gewalt. Die Behörden ermitteln.

Nachdem ich gestern über The Birth of a Nation geschrieben habe, der im 19. Jahrhundert spielte, als die Sklaverei noch legal war, geht es heute um eine Geschichte, die ebenfalls im Süden der USA angesiedelt ist, aber deutlich später spielt.

Mudbound

Der Ingenieur Henry (Jason Clarke) erfüllt sich Anfang der Vierzigerjahre einen Traum und erwirbt eine Farm in Mississippi – sehr zum Leidwesen seiner Frau Laura (Carey Mulligan), der er zuvor nichts davon gesagt hat. Von einem Moment zum anderen findet sie sich mit den beiden Töchtern auf einer schlammigen Farm im Nirgendwo wieder und leidet fortan unter dem Verlust des kultivierten Stadtlebens. Da Henry kein geborener Farmer ist, fällt ihm die Arbeit schwer, und es gibt einige Rückschläge und Schicksalsschläge, mit denen die Familie, zu der auch ein rassistischer Vater (Jonathan Banks) gehört, fertig werden muss.

Mit dem Land hat Henry zugleich auch zwei Pachtfamilien übernommen. Eine davon ist schwarz und bewirtschaftet das Land schon sehr lange: Hap (Rob Morgan) und seine Frau Florence (Mary J. Blige) träumen von ihrem eigenen Stück Land und vor allem von einer besseren Zukunft für ihre vielen Kinder. Der Älteste, Ronsel (Jason Mitchell), zieht Ende 1941 in den Krieg, wird Panzerkommandant und nimmt sich in Deutschland eine Geliebte. Doch als er wieder in sein Heimatdorf zurückkehrt, schlägt ihm unvermittelt wieder der alltägliche, brutale Rassismus entgegen.

Auch Henrys Bruder Jamie (Garret Hedlund) ist ein Kriegsheimkehrer, der Probleme hat, sich in der Welt zurechtzufinden. Da er wie Ronsel an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, freunden die beiden Männer sich an – was Jamies rassistischer Vater nicht gerne sieht, und so nimmt das Unheil seinen Lauf …

Die Geschichte beginnt mit einem starken Bild: Henry und Jamie heben ein Grab für ihren Vater aus und müssen sich beeilen, da ein Unwetter losbricht und die Grube mit Wasser zu füllen droht. Plötzlich stoßen sie auf rostige Ketten und einen Totenschädel: das Grab eines ermordeten Sklaven. Schon die ersten Szenen sind symbolisch aufgeladen. Kaum kratzt man an der Oberfläche des Landes, stößt man auf Unrecht, Rassismus und Gewalt. Wie soll etwas Neues, etwas Blühendes auf dieser Erde, aus diesem Schlamm entstehen?

Überhaupt ist die gesamte Existenz der beiden Familien, weiß oder schwarz, auf Schlamm gebaut. Es ist ein mühseliges Placken und Rackern, ein endloses Aufbegehren gegen eine launische Natur, gegen eine feindselige Landschaft, in der der Tod allgegenwärtig ist und alles ständig im Matsch zu versinken droht. Ein trostloses Leben.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Hillary Jordan, und man kann sich am Beispiel von Ersterem gut vorstellen, wie Letzterer geschrieben ist, denn jede der sechs Hauptfiguren erzählt in ausführlichen Off-Kommentaren, wie und warum es sie an diesen elenden Ort verschlagen hat und was sie sich von der Zukunft erhofft. Diese wechselnden Perspektiven und unterschiedlichen Lebensentwürfe prägen die Geschichte, die ansonsten aus einer Aneinanderreihung von Anekdoten besteht.

Die erste Hälfte handelt weitgehend von Henry und seiner Frau Laura, die etwas Neues beginnen, was sich als härter und schwieriger erweist als gedacht, und vom Überlebenskampf der schwarzen Jacksons, die sich damit abgefunden haben, immer wieder von den Weißen betrogen und ausgenutzt zu werden, sich aber dennoch trauen, von Größerem zu träumen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Beide Familien erleiden diverse Schicksalsschläge, müssen Armut, Krankheit und Tod bewältigen, keine ist besonders vom Glück verwöhnt. So entsteht ein realistisches, aber auch recht deprimierendes Bild jener Zeit. Parallel dazu erfährt man, wie es den beiden Männern im Krieg ergeht, welche Schrecken und kleinen Freuden sie erleben.

Im zweiten Teil verschiebt sich die Perspektive dann vollends zu den beiden Ex-Soldaten, die im Frieden keine Ruhe finden, aber wenigstens einander haben, weil nur der jeweils andere verstehen kann, in welche Abgründe sie während des Krieges geblickt haben. Das Leid, das sie auf den Schlachtfeldern erlebt haben, beseitigt die Rassen- und Gesellschaftsunterschiede und macht die beiden Männer zu Freunden.

Genau diese Freundschaft ist den Weißen in der Gemeinde ein Dorn im Auge, und so spitzt sich der Konflikt gegen Ende des Films immer weiter zu, bis er sich in einem schrecklichen Fanal entlädt. Die Story nimmt sich bis dahin sehr viel Zeit, mäandert vor sich hin, schweift ab, verfällt in düstere Anekdoten, bekommt aber in der letzten halben Stunde so viel erzählerische Wucht und Leidenschaft, dass ihre Wirkung noch lange nachhallt.

Ein über weite Strecken leiser, klagendender, fast schon deprimierender Film, der zum Schluss aber ungemein packend und berührend erzählt ist.

Note: 2

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...