Nächster Halt: Fruitvale Station

Im dritten Teil meiner Beiträge zum Thema Black Lives Matter geht es um einen relativ aktuellen Fall von Polizeigewalt, der zwar elf Jahre her ist, aber genauso wie die Tötung von George Floyd zu gesellschaftlichen Unruhen führte und bis heute in der schwarzen Community nicht vergessen ist. Ryan Coogler, der mit Creed: Rocky’s Legacy und vor allem Black Panther für Furore gesorgt hat, hat sich des Stoffes angenommen und daraus 2013 sein Langfilmdebüt gemacht. Zu sehen bei Netflix.

Nächster Halt: Fruitvale Station

Silvester 2008: Oscar Grant (Michael B. Jordan) und seine Freundin Sophina (Melonie Diaz) überlegen sich Vorsätze fürs neue Jahr, er möchte aufhören, mit Marihuana zu handeln, sie will sich besser ernähren. Zwischen ihnen kriselt es ein wenig, da Oscar sie betrogen hat, außerdem war er einige Zeit im Gefängnis, was eine schwere Belastungsprobe für ihre Beziehung war und vor allem ihre kleine Tochter beeinflusst hat. Oscar will sich wirklich ändern, er vernichtet seinen Drogenvorrat, kauft für die Geburtstagsfeier seiner Mutter (Octavia Spencer) ein und beschließt am Abend, mit Sophina und einigen Freunden nach San Francisco zu fahren, um sich das Feuerwerk anzusehen. Auf der Rückfahrt kommt es dann zu einem verhängnisvollen Zwischenfall.

Im Grunde fasst dies bereits die gesamte Geschichte zusammen, die sehr alltagsnah und beinahe dokumentarisch erzählt ist. Die wackelige Handkamera unterstreicht diesen Charakter noch und erweckt über weite Strecken den Eindruck, als würde man „reale“ Menschen beobachten. Dazu passt auch die unaufgeregte, solide Performance aller Schauspieler. Problematisch an dieser Erzählweise ist, dass sie enorm viel Geduld verlangt, denn in der ersten Stunde passiert praktisch nichts.

Nächster Halt: Fruitvale Station ist ein Film, dessen Ende man schon kennt, bevor man sich entschieden hat, ihn anzuschauen. Da man weiß, auf welche Weise dieser 31. Dezember für Oscar enden wird, ist jede Begegnung mit seiner Familie, jeder Abschied mit Tragik aufgeladen. Das verleiht den alltäglichen Szenen durchaus den Anschein von Bedeutung, kann aber nicht verhindern, dass sich Längen einschleichen.

Zugute halten muss man der Produktion, dass sie nichts beschönigt. Oscar war kein Musterbürger, der immer alles richtig gemacht hat. Er saß – vermutlich wegen Drogenhandels – im Gefängnis. Er hat seine Arbeit verloren, weil er ständig zu spät gekommen ist, und er hat seine Frau betrogen. Auf der anderen Seite ist er hilfsbereit und versucht, seine Fehler wieder gutzumachen. Er denkt darüber nach, Sophina einen Heiratsantrag zu machen, und bemüht sich, ein guter Vater zu sein. Das macht ihn insgesamt sympathisch.

Das alles spielt aber für das, was im U-Bahnhof passiert, keine Rolle. Egal, was für ein Mensch Oscar war, er hätte die grausame Behandlung durch die Polizei nicht verdient. Und wenn er weiß gewesen wäre, wäre das alles ohnehin nicht passiert. Zu sehen, wie er und ein paar seiner Freunde von den Polizisten niedergerungen werden, erinnert auf fatale Art an das Video mit der Ermordung George Floyds – vor allem auch, weil sich ein Polizist auf Oscars Nacken kniet …

Alles in allem ein Film, der Empörung auslöst, der aber auch erst in den letzten zwanzig Minuten zu seiner emotionalen Wucht aufläuft. Davor sieht man ein nicht uninteressantes, aber ereignisloses Alltagsporträt einer gesellschaftlichen Minderheit. Das muss man mögen.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...