Die Schneiderin der Träume

Auf der Suche nach einem leichten, eher der Zerstreuung dienendem Stoff bin ich durch Zufall bei Amazon Prime auf einen indischen Film gestoßen, dessen Trailer mir gefallen hat. Bei indischen Filmen habe ich in der Vergangenheit immer zuerst an Bollywood gedacht, an bonbonbunte Kulissen und Musical-Einlagen, aber die Streamingdienste haben meinen Blick ein klein wenig verändert. Oder vielmehr habe ich entdeckt, dass es abseits des klassischen Bollywood-Spektakels eine Filmindustrie gibt, die sich stärker an westlichen Erzählmustern orientiert und Geschichten bereithält, die auf den ersten Blick so ähnlich auch bei uns angesiedelt sein könnten. Mumbai statt München also. Aber damit bin ich ebenfalls einem Trugschluss aufgesessen …

Die Schneiderin der Träume

Ratna (Tillotama Shome) wurde bereits mit neunzehn Jahren Witwe, für eine Frau in Indien, noch dazu auf dem Land, ein hartes Schicksal, denn sie ist dadurch vom Wohlwollen ihrer Schwiegereltern abhängig. Zum Glück durfte Ratna nach Mumbai ziehen, um dort als Haushälterin zu arbeiten, was ihr eine gewisse Selbstständigkeit erlaubt. Ihr großer Traum ist es allerdings, eines Tages Schneiderin zu werden.

Ashwin (Vivek Gomber) ist Ratnas Arbeitgeber, Sohn eines wohlhabenden Bauunternehmers, der einige Zeit als Journalist und Schriftsteller in New York gelebt hat, aber nach Indien zurückkehren musste, um das Geschäft zu übernehmen, nachdem sein Bruder gestorben war. Als seine geplante Hochzeit platzt, gerät er in eine Krise – und kommt dabei der patenten Ratna nahe …

Ein bisschen habe ich mich von dem Trailer und auch vom Titel in die Irre führen lassen, denn irgendwie erwartete ich, eine indische Version von Maid in Manhattan oder Pretty Woman zu sehen, vielleicht weniger glamourös, dafür bodenständiger und mit einer kräftigen Prise Exotik. Nun, das war nicht der Fall, und das ist auch gut so.

Der Film (Buch und Regie von Rohena Gera) erzählt eine unmögliche Liebesgeschichte, denn zwischen Ratna und Ashwin liegen buchstäblich Welten. Auch wenn Indien das Kastensystem bereits vor Jahrzehnten abgeschafft hat, ist es immer noch tief in den Köpfen der Menschen verwurzelt, und über die Kaste definiert sich auch der soziale Status und entsprechend die Bildung. Ratna stammt aus dem dörflichen Indien, das noch viel stärker den Traditionen und ungeschriebenen Gesetzen unterworfen ist, während Ashwin im weltoffenen Bürgertum großgeworden ist, das sich zwar liberal gibt, aber dennoch darauf bedacht ist, sich von den anderen Klassen abzugrenzen. Entsprechend schwer fällt es den beiden Hauptfiguren, sich ihre Gefühle einzugestehen, geschweige denn, sie auch zu leben – gegen den Widerstand ihrer Familien und der Gesellschaft.

So richtig mutig sind leider beide nicht, und daher bleibt auch der Film weit hinter den Erwartungen zurück, wenn es darum geht, dass die Liebenden die Hindernisse überwinden. Die Liebe besiegt eben nicht alles, wie Vergil uns weismachen wollte, zumindest nicht im wahren Leben oder im Mumbai des 21. Jahrhunderts. Das ist auf den ersten Blick enttäuschend, aber dafür realistisch. Schließlich ist dies kein Bollywood-Hochglanz-Märchen, in dem alles möglich scheint.

Stattdessen lernen wir zwei unterschiedliche Menschen kennen, erfahren einiges über ihre Wünsche und Träume, ihre Versuche, etwas privates Glück zu finden in einer Gesellschaft, in der das Leben des Einzelnen durch die Familie und die soziale Stellung weitgehend fremdbestimmt ist. Die Geschichte nimmt sich dabei viel Zeit und spielt größtenteils in Ashwins Wohnung, aber diese kammerspielhafte Reduktion ist kein Nachteil, weil auf diese Weise die Konzentration auf die beiden Hauptfiguren stärker ist. Fast von Anfang an mag man Ratna und Ashwin, folgt ihnen gerne durch ihren unspektakulären, aber für uns faszinierenden Alltag, lernt ein wenig über die indische Gesellschaft und ihre Regeln. Und stellt sich am Ende die Frage, ob es eine solche Geschichte auch bei uns geben könnte. Wie sähe eine Liebesgeschichte zwischen einer türkischen Putzfrau und ihrem Arbeitgeber in München aus? Wäre sie wirklich so vollkommen anders? Auch das macht den Film interessant.

Der sehr viel bessere Originaltitel lautet übrigens Sir, weil Ratna es nicht schafft, Ashwin bei seinem Namen zu nennen, und sich damit das ganze Dilemma der beiden Liebenden in einem einzelnen Aspekt offenbart.

Alles in allem eine ruhige, moderne und treffsicher erzählte Geschichte über Liebe und Selbstverwirklichung. Sehenswert.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...