Greyhound: Schlacht im Atlantik

Anfang des Jahres haben wir in der Sony-Tradeshow einen spannenden Ausschnitt aus Greyhound gesehen, dem Weltkriegsdrama mit Tom Hanks. Die Seeschlacht war so toll inszeniert, dass man direkt Lust hatte, mehr davon zu sehen, aber wie immer musste man sich ja gedulden. Dann kam Corona und alles sowieso ganz anders. Inzwischen ist der Film zu Apple TV+ gewandert, und dort habe ich ihn kürzlich gesehen.

Greyhound: Schlacht im Atlantik

Im Februar 1942 sind die USA gerade ein paar Wochen im Krieg, als einige Kriegsschiffe den Auftrag erhalten, einen internationalen Konvoi von Transportern nach Großbritannien zu begleiten, wohin sie dringend benötigte Waren und Waffen liefern sollen. Eines dieser Schiffe ist der Zerstörer USS Keeling, der den Rufnamen Greyhound trägt und von Kapitän Ernest Krause (Tom Hanks) befehligt wird. Anfangs noch von Kampfflugzeugen begleitet, sind die knapp vierzig Schiffe bald auf sich gestellt – und werden von deutschen U-Booten gejagt …

Krause ist ein streng religiöser Mensch, und so beginnt der Film mit einer Szene, in der er vor seinem Bett kniet und um göttlichen Beistand bittet, bevor er seine Schicht antritt. Und genauso endet der Film auch, nachdem sein Dienst beendet ist. Dazwischen liegen einige nervenaufreibende Tage, die Krause und seiner Besatzung einiges abverlangen. Ansonsten erfährt man nicht allzu viel über den Mann mit dem deutschen Nachnamen. Er hat eine Freundin (Elizabeth Shue), von der er sich in einer Rückblende verabschiedet und an die er immer wieder denkt, aber mehr Privates erfahren wir nicht.

Dabei ist der Film eine einzige One-Man-Show, bei der die Kamera dicht an Krauses Fersen klebt und ihn kaum für eine Minute aus den Augen verliert. Das Leben an Bord des Zerstörers, die Anspannung unter den Seeleuten während der Kämpfe und was es sonst noch zu erzählen gäbe – alles wird ausgespart. Lediglich zwei Männer fallen ein wenig auf: Cleveland (Rob Morgan), ein fürsorglicher Steward, der Krause regelmäßig mit Mahlzeiten und Kaffee versorgt, obwohl der Kapitän – ein kleiner Running Gag – nie zum Essen kommt, und der Erste Offizier Cole (Stephen Graham). Beide sind etwas älter, während sich der Rest der Crew aus milchgesichtigen, austauschbaren jungen Männern zusammensetzt, die Krause abwechselnd bewundernd oder bedauernd anstarren.

Die Dialoge bestehen zu neunzig Prozent aus militärischen und nautischen Befehlen, die den allermeisten Zuschauern nichts sagen dürften. Nie war ich so dankbar für deutsche Untertitel, obwohl ich sagen muss, dass ich selbst in der Übersetzung kaum kapiert habe, worum es geht. So sieht man fasziniert den diversen Manövern zu, fragt sich aber schon gelegentlich, warum Krause gerade diese befohlen hat, oder wie die Lage denn zu bewerten wäre.

Streng genommen sind diese Erklärungen aber nicht nötig, denn den Kern der Story versteht man sofort: Es ist eine klassische Katz-und-Maus-Hatz, in der Krause und seine Kollegen versuchen, die deutschen U-Boote abzuschießen, bevor sie noch mehr Schiffe des Konvois versenken. So entspinnt sich eine spannende Jagd über mehrere Tage hinweg, mit Täuschungsmanövern, Angriffen und Ruhepausen, in denen der Gegner die Amerikaner verhöhnt.

Grundlage des Films ist der Roman The Good Shepherd von Cecil Scott Forester, der bereits 1955 erschienen ist und die religiöse Metapher der Geschichte bereits im Titel trägt. Forester ist vor allem mit seiner Hornblower-Reihe weltberühmt geworden, von ihm stammt aber auch die Vorlage zu African Queen. Man spürt in der Anlage des Helden das Alter der Vorlage, denn Krause ist ein so gewissenhafter, anständiger Mann, dass er wie aus der Zeit gefallen anmutet. Tom Hanks, der auch das Drehbuch geschrieben hat, spielt eine solche Figur natürlich im Schlaf, aber man wünschte sich dennoch, er hätte ihr einige Ecken und Kanten verliehen oder ihr wenigstens andere Menschen an die Seite gestellt, die nicht bloße Stichwortgeber sind.

Der Film lebt einzig und allein von seiner – zugegeben – spannenden Jagd und den gut inszenierten Kämpfen. Erfreulich ist, dass es für einen amerikanischen Film sehr wenig Pathos gibt, aber leider gibt es auch kaum Emotionen. Das macht die Geschichte letzten Endes zu einem gut konsumierbaren Kriegsfilm mit reichlich Action, den man aber nach kurzer Zeit wieder komplett vergessen haben dürfte.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...