Der Fall Richard Jewell

In den vergangenen zwei oder drei Wochen war so viel los, dass wir es leider nicht ins Kino geschafft haben, aber jetzt ergab sich die Gelegenheit, sich endlich wieder einen Film anzuschauen, der noch dazu vermutlich bald von den großen Leinwänden verschwinden wird. Und es hat sich gelohnt!

Der Fall Richard Jewell

Richard (Paul Walter Hauser) ist ein großzügiger, gutmütiger, aber etwas einfältiger Mann mit einem erklärten Ziel: Er will Polizist werden. Zwar gelingt es ihm auch, aber schon nach kurzer Zeit wird er wieder aus dem Dienst entlassen, weil er seine Kompetenzen überschritten hat. Er ist zu ambitioniert, zu sehr darauf bedacht, dass alle die Regeln und Gesetze einhalten, weshalb er oft übers Ziel hinausschießt. Nachdem er deswegen von seinem letzten Job als Sicherheitsmann einer Universität geflogen ist, heuert er 1996 als Wachmann auf dem Olympia-Gelände an. Eines Tages entdeckt er dort einen verdächtigen Rucksack und alarmiert sofort die Behörden. Tatsächlich handelt es sich dabei um einen Sprengsatz, der kurz darauf detoniert, doch Richards frühes Eingreifen rettet viele Menschenleben. Wenige Tage später gerät er allerdings ins Visier der Medien und des FBIs…

Die älteren Leser werden sich vielleicht noch an den Anschlag von Atlanta erinnern können, auch wenn ich sagen muss, dass ich über die Ermittlungen selbst nicht viel gelesen habe und mir der Name Richard Jewell überhaupt nichts sagte. Das Ganze ist inzwischen natürlich auch schon vierundzwanzig Jahre her.

Richard werden zwei Sachen zum Verhängnis: Sein pedantischer Charakter und die Schwäche des FBI-Agenten Shaw (Jon Hamm) für die ehrgeizige Journalistin Kathy (Olivia Wilde). Wäre Richard etwas klüger, weniger obrigkeitshörig und darauf bedacht, sich bei den Ordnungshütern lieb Kind zu machen, oder hätte er nicht diese penetrante Art an sich, auf die Einhaltung sämtlicher Bestimmungen zu achten und überkorrekt zu sein, der Anschlag hätte wesentlich mehr Menschenleben gekostet – Richard aber nie zum Verdächtigen werden lassen. Weil Richard sich aber in seinen früheren Jobs wichtiger gemacht hat, als er war, sich sogar einmal als Polizist ausgegeben hat, weckt sein Verhalten den Verdacht eines früheren Chefs, der das FBI informiert. Für die Beamten kommt der Hinweis zu rechten Zeit, denn sie haben keinerlei Beweise oder heiße Spuren, um den Attentäter zu finden, brauchen aber dringend eine Erfolgsmeldung.

Ins Rollen wird die Geschichte jedoch erst gebracht, als Kathy Agent Shaw zusetzt, ihr das Gerücht zu bestätigen, das FBI interessiere sich für Richard. Danach bricht über den armen, naiven Wachmann die Medienhölle los. Die Wohnung, die er sich mit seiner Mutter (Kathy Bates) teilt, wird Tag und Nacht belagert, das FBI versucht, ihn mit illegalen Tricks hereinzulegen, um an ein Geständnis zu gelangen, und der gefeierte Held wird praktisch über Nacht zum Bösewicht der Nation.

Hilfe naht jedoch in Gestalt des Anwalts Watson Bryant (Sam Rockwell), den Richard von einer früheren Arbeitsstelle kennt und der beherzt den Kampf gegen das FBI und die öffentliche Meinung antritt. Das ist kein leichter Job, denn Richard ist stets darauf bedacht, die Behörden in ihrer Arbeit zu unterstützen …

Clint Eastwoods jüngste Regiearbeit ist ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn inkompetente Beamte in Behörden voreilige Schlüsse ziehen und auch nicht davor zurückschrecken, das Leben eines Unschuldigen zu gefährden. Denn es ist schon nach kurzer Recherche klar, dass Richard unmöglich der Attentäter sein kann, was ihn jedoch keinesfalls entlastet. So entsteht eine düstere, beklemmende Atmosphäre, die von staatlicher Willkür geschwängert ist. Nur wenige Jahre später wäre Richard als Terrorverdächtiger vermutlich für einige Zeit in Guantanamo verschwunden.

Auch die Medien, die Richard zuerst zum Helden stilisieren, um ihn danach vom Podest zu stürzen und durch den Dreck zu ziehen, kommen nicht gut weg, allerdings fällt die Kritik weniger scharf aus als zu befürchten war. Nicht die vierte Gewalt an sich hat ein Problem, Stichwort Fake News, sondern krankt wie auch die Behörden an Inkompetenz und zu großem Ehrgeiz ihrer Mitarbeiter.

Der Film ist von Anfang bis zum Ende packend inszeniert, allerdings in einem etwas gemächlicheren Tempo, so dass sich hier und da auch ein paar kleinere Längen einschleichen. Dennoch ist die Geschichte dank der exzellenten Schauspieler und seines klassischen Sujets absolut sehenswert.

Note: 2

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...