Colette

Meine Watchlist ist lang und wird immer länger – kein Wunder, wenn Jahr für Jahr mehrere Hundert neue Filme erscheinen und auch man hin und wieder einen Klassiker erneut anschauen möchte. Zugegeben, viele neue Produktionen sind thematisch nicht interessant genug oder wurden von der Kritik verrissen, weshalb man sie gut ignorieren kann, dennoch bleibt noch genug Material übrig, um drei, vier Filme in der Woche zu sehen. Dabei habe ich noch gar nicht erwähnt, dass ich dank diverser Streamingdienste mehrere Watchlisten habe und weitere Listen mit Serien. Ach, und mein SuB (Stapel ungelesener Bücher) wird ebenfalls immer höher …

Meistens schaue ich die Filme nach Lust und Laune. Immer häufiger passiert es aber auch, dass ich einen Film sehe, nur weil er kurz darauf aus dem Angebot von Amazon Prime verschwindet. Dies ist so eine Produktion. Wer also noch nicht die Gelegenheit hatte, es wird Zeit …

Colette

Gabrielle-Sidonie Colette (Keira Knightley) wächst behütet in der französischen Provinz auf. Ein Freund ihres Vaters ist der bekannte Pariser Theaterkritiker und Autor Henry Gauthier-Villars (Dominic West), der unter dem Pseudonym Willy publiziert. Gabrielle beginnt eine Affäre mit dem deutlich älteren Mann und heiratet ihn schließlich Ende des 19. Jahrhunderts. Ihre Ehe verläuft stürmisch, denn Willy betrügt sie und lebt finanziell über seine Verhältnisse. Da er meistens nicht selbst schreibt, sondern Ghostwriter beschäftigt, kommt er schließlich auf die Idee, seine literarisch gebildete und kluge Frau zu bitten, einen Roman über ihre Jugenderlebnisse zu verfassen. Das Buch, aus dem eine ganze Reihe werden soll, handelt von der jungen Claudine, die schon bald zur Leitfigur einer ganzen Generation wird. Doch den Erfolg heimst allein Willy ein, und er bringt auch das meiste Geld durch. Doch langsam beginnt Gabrielle, sich von ihm zu emanzipieren, sie nennt sich nur noch Colette, beginnt zuerst eine Affäre mit der Amerikanerin Georgie (Eleanor Tomlinson) und dann mit der adeligen Missy (Denise Gough). Willy toleriert ihre Liebschaften, doch als Colette die Urheberschaft an den Romanen fordert, kommt es endgültig zum Bruch …

Wenn man sich das wahre Leben Colettes anschaut, versteht man, warum die Autoren Richard Glatzer, Rebecca Lenkiewicz und Wash Westmoreland, der auch die Regie geführt hat, das Leben dieser außergewöhnlichen Frau auf die große Leinwand bringen wollten, denn es ist reich an Abenteuern, Affären und Erfolgen. Colette gelang es, sich einfühlsam und mit psychologischer Genauigkeit in die Gefühlswelt junger Frauen hineinzuversetzen, und prägte damit die Stimme mehrerer Generationen. Ein Running Gag des Films ist das wiederholte Auftreten junger Damen im typischen Schulmädchen-Outfit der Buchheldin, die dann voller Ernst behaupten, die „wahre Claudine“ zu sein.

Die dramatischsten Momente in Colettes Biografie werden jedoch nicht erzählt, denn sie ereigneten sich erst später in ihrem Leben. So findet auch der Rechtsstreit um die Urheberschaft an der Claudine-Reihe nur während des Abspanns eine kurze Erwähnung. Westmoreland geht es in seinem Film vor allem um das Unabhängigkeitsstreben einer Frau, die in einer konservativen, männerdominierten Gesellschaft um ihren Platz und ihre Stimme kämpft. Verknüpft ist das Ganze mit einer Erfolgsgeschichte, die aus einem Landmädchen eine mondäne Frau und schließlich einen Literaturstar macht. Letzter wurde Colette allerdings auch erst in ihren späten Jahren und nach Erfolgen wie Chéri oder Gigi, die beide von Hollywood verfilmt wurden.

Diese Emanzipation führt Colette schließlich auf die Varieté-Bühne, wo sie mit einem Kuss zwischen zwei Frauen für einen handfesten Skandal sorgt. Mit Missy wird sogar eine Transgender-Figur etabliert, die dank ihres Reichtums und ihrer Abstammung (als Nichte Napoleons III.) weitgehend vor Repressalien geschützt ist, aber genau weiß, dass viele andere, die dasselbe Schicksal teilen, nicht so viel Glück haben. Das ist einfühlsam erzählt, obwohl Colettes Bisexualität nie dramatisiert, sondern von Willy als eine Art erotischer Ehe-Bonus verbucht wird und auch kein einziges Mal gesellschaftliche Ächtung oder Ausgrenzung zur Folge hat. Letzten Endes führt es dazu, dass die Figuren sich wie in ihrer eigenen Blase bewegen, ohne Interaktion mit der Welt um sie herum.

Keira Knightley spielt Colette wunderbar trotzig und selbstbewusst, doch das Buch versäumt dabei, tiefer in ihre Psychologie einzudringen. Sie wird ein vorgeblich naives, naturverbundenes Mädchen vom Land eingeführt, nur um im nächsten Moment heimlich Sex mit Willy zu haben. Im Grunde ist sie von Anfang an die Colette, die sie später darstellt, nur hält sie verschiedene Facetten ihrer Persönlichkeit verborgen, um sie nach und nach preiszugeben. Man sieht keine Entwicklung, keine Reifung und erstaunlicherweise auch fast keinen Schmerz, allenfalls Wut und Trotz. Vor allem ihr Verhältnis zu Willy bleibt so weitgehend unreflektiert und stellenweise sogar rätselhaft.

Dominic West ist ein guter Schurke, der verschmitzt jedes Klischee umschifft und zum Glück nicht ins Chargieren verfällt. Was bei einem dermaßen eitlen und selbstverliebten Charakter leicht möglich wäre. Nicht Bösartigkeit, sondern Gedankenlosigkeit ist der Grund für sein schäbiges Verhalten, das Unvermögen, sich in die Psyche (s)einer Frau zu versetzen. Leider fehlt am Ende der Moment der Demaskierung in der Öffentlichkeit, die diese Figur verdient hätte, und vielleicht hätte auch mehr Gemeinheit geholfen, der Geschichte etwas mehr Saft zu verleihen.

Die Inszenierung ist grundsolide und exquisit fotografiert, die Kleider sind prächtig, die Jugendstil-Wohnungen superb – die Kulisse stimmt schon mal. Doch das Geschehen selbst plätschert eher gemütlich dahin, man wird zwar keine Minute gelangweilt, aber auch nicht richtig gefesselt. Alles in allem mangelt es der Story an einem leidenschaftlichen Konflikt.

Colette ist ein sehenswertes Bio-Pic über eine bemerkenswerte Frau, ein historischer Beitrag zur #MeToo-Bewegung und die Würdigung einer Vorreiterin für Frauenrechte. Bislang hielt ich die Claudine-Reihe immer für angestaubte Jungmädchen-Literatur der Belle-Époque, immerhin diesbezüglich hat der Film für Aufklärung gesorgt, denn in Wahrheit geht es um die Auseinandersetzung mit der Institution Ehe und der Rolle der Frau.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...