Es war einmal in Amerika

Dieser Klassiker steht schon seit vielen Jahren auf meiner Liste mit Filmen, die ich früher großartig fand und unbedingt wiedersehen möchte. Aber die lange Laufzeit von fast vier Stunden erfordert eine gewisse Planung, und man ist ja auch nicht immer in der richtigen Stimmung für ein ebenso elegisches wie brutales Mafia-Epos. Da der Film allerdings demnächst bei Amazon Prime verschwindet, war es der perfekte Zeitpunkt, um mich mit Sergio Leones letztem Werk zu beschäftigen.

Es war einmal in Amerika

1933: Noodles (Robert De Niro) wird von Auftragsmördern gesucht, die seine Freundin Eve (Darlanne Fluegel) töten und seinen Freund Moe (Larry Rapp) zusammenschlagen. Doch Noodles, der nach dem gewaltsamen Tod seiner Bandenmitglieder, seinen Schmerz mit Opium betäubt, gelingt es, seinen Verfolgern zu entwischen. Als er mit dem Geld seiner Bande abhauen will, muss er jedoch feststellen, dass es weg ist.

1968: Nach über dreißig Jahren kehrt Noodles nach New York zurück, weil er einen Brief erhalten hat, der ihn darüber informiert, dass die Leichen seiner Freunde aufgrund der Auflösung des jüdischen Friedhofs in eine andere Grabstätte überführt wurden, und er fragt sich, wer hinter das Geheimnis seiner Identität gekommen ist. Als er sich dort umsieht, stößt er auf ein protziges Mausoleum, in dem ein Schlüssel auf ihn wartet. Dieser führt zum selben Schließfach, in dem die Bande früher immer ihr Geld verwahrt hat, doch diesmal ist der Koffer nicht leer, sondern voller Geld – eine Anzahlung auf einen neuen Job. Moe rät ihm, mit dem Geld zu verschwinden, doch Noodles will wissen, wer hinter all dem steckt. Bald findet er heraus, dass alle Spuren zu einem korrupten Politiker führen, der einmal mit Noodles’ Jugendliebe Deborah (Elizabeth McGovern) liiert war.

Noodles erinnert sich an seine Jugendzeit Anfang der 1920er. Er war schon damals in Deborah (Jennifer Connelly) verliebt, die jedoch eine ehrgeizige Karriere als Tänzerin und Schauspielerin verfolgt. Noodles lernt schließlich Max (James Woods) kennen. Mit ihm und seine besten Freunde gründet er eine Gang, die schon bald mit der Lokalgröße Bugsy (James Russo) in Konflikt gerät. Die blutige Fehde endet damit, dass Noodles für zehn Jahre hinter Gitter wandert.

Nach seiner Entlassung steigt er wieder in die dunklen Geschäfte seiner Freunde ein: Sie rauben Diamanten für einen bekannten Mafioso, mischen in einem Streik mit, schmuggeln Alkohol und betreiben eine illegale Bar. Als die Prohibition aufgehoben wird, müssen sie sich entscheiden, welchen weiteren Weg sie einschlagen wollen. Max schlägt einen kühnen Plan vor, doch Noodles hält ihn für größenwahnsinnig, und so spitzt sich der Konflikt innerhalb der Bande immer weiter zu …

Der Film ist zu kurz. Ich weiß, das klingt ironisch angesichts seiner Länge, ist aber wahr, denn manche Handlungsstränge werden nicht so ausführlich behandelt, wie es erforderlich gewesen wäre. Etwa wird die Frage, wer Noodles gleich zu Beginn nach dem Leben trachtet, nicht vollständig geklärt, obwohl es genug Hinweise gibt, dass man sich vorstellen kann, wie die Geschichte möglicherweise abgelaufen wäre. Das Problem ist, dass Leone nie seine eigene Schnittfassung erstellen konnte. Für das US-Publikum wurde der Film in chronologischer Reihenfolge der Szenen erzählt, was zu groben Verzerrungen bei der Darstellung der Figuren geführt haben muss und mit ein Grund war, dass das Werk kommerziell erfolglos blieb. Anders als in Europa, das eine andere Fassung zu sehen bekam. Leone hat aus den rund zehn Stunden Material ursprünglich zwei Dreistünder machen wollen, dann eine gut vierstündige Fassung, aber auch diese ist vor seinem Tod einige Jahre später nicht mehr fertig geworden.

Inzwischen hat der Film – das muss man ehrlich sagen – auch seine Längen, die vor allem den veränderten Sehgewohnheiten seit 1984 geschuldet sind. Und Leone nimmt sich darüber hinaus auch viel Zeit, seine Geschichte aufzurollen wie einen bunten, orientalischen Teppich. Er springt zwischen den Zeitebenen hin und her, verliert sich in einzelnen Episoden und verknüpft alles mit kühnen Übergängen, die sein großes Talent als Filmemacher verdeutlichen. Das ist beeindruckend, von hohem künstlerischem Wert und lässt das Herz eines jeden Filmemachers vor Freude hüpfen.

Die Story basiert auf der Autobiografie eines jüdischen Gangsters namens Herschel Goldberg, doch Leone und seine Heerschar an Drehbuchautoren verwendeten am Ende nur einen kleinen Teil seiner Erlebnisse. Auf diese Weise sind sie freier in der Erzählung ihres Gangsterepos, das vom Aufstieg einer Gruppe Jugendfreunde zu „freischaffenden“ Mafiosi handelt. Mit der Mafia verbindet man gemeinhin ja eher Italiener oder italienischstämmige Amerikaner, aber es gab auch eine jüdische Organisation – die Kosher Nostra – zu der auch Bugsy Siegel gehörte, und die Bande bewegt sich in deren Dunstkreis.

Der Film zerfällt in drei Teile, behandelt die Jugendtage der Helden, erzählt von ihrem Aufstieg zu lokalen Gangstergrößen, Noodles’ Rückkehr und dem Ende der Prohibition, mit dem auch das Ende der Bande zusammenfällt. Der dritte Teil spielt Ende der Sechziger und handelt von Noodles, der herauszufinden versucht, was damals wirklich mit seinen Freunden geschehen ist. Als wäre das allein noch nicht eine sehr komplexe Geschichte, reichert Leone sie zusätzlich noch mit einigen Episoden an, die für sich genommen schon fast als eigenständige Filme funktionieren könnten. Man wundert sich, dass bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, daraus eine Serie zu machen.

Der Film lebt von seinen großen Bildern, die dank eines üppigen Budgets möglich waren, und seinen kühnen Einfällen. Auch die Figurenzeichnung ist weitgehend gut gelungen, man schließt Noodles und seine Freunde bereits als Lausbuben ins Herz, auch wenn sie schlimme Dinge tun, muss aber später erkennen, dass mehr Böses als Gutes in ihnen steckt. Leider wird nicht alles erklärt, Noodles’ verstörende Gewaltausbrüche, die sich auch gegen Frauen richten, machen ihn zu einem Helden, dem man nur widerwillig folgt. Max wiederum entwickelt im Verlauf der Geschichte eindeutige Tendenzen zum Größenwahn. Das macht die Figuren komplex, erschwert aber auch den emotionalen Zugang zu ihnen.

Die Frauen spielen dabei eine sehr untergeordnete Rolle. Lediglich Deborah gewinnt an Format und Profil, weil sie ihre Liebe zu Noodles ihrem Ehrgeiz opfert – und später Teil des Komplotts ist, das Noodles aufklären muss. Elizabeth McGovern wirkt zwar viel zu jung für die spätere Rolle der Endfünfzigerin, ist aber insgesamt so überzeugend wie der Rest des Ensembles. De Niro war ungefähr Ende dreißig, als der Film gedreht wurde, ist als über  sechzigjähriger Noodles jedoch glaubwürdiger als in The Irishman, wo er digital verjüngt als Dreißig- oder Vierzigjähriger aufgetreten ist …

Ich könnte noch lange über die Qualitäten des Films reden, von den wunderschönen Bildern schwärmen, die verblüffenden Einfälle und komplexe Erzählstruktur loben, aber das würde jetzt zu weit führen. Es war einmal in Amerika sollte jeder einmal gesehen haben, der sich für Filme interessiert. Punkt.

Note: 2

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...