Jane Austens Verführung

Gerade läuft ein Remake von Dickens’ David Copperfield, und im Frühjahr kam eine Neu-Verfilmung von Emma in unsere Kinos – Klassiker haben also immer noch Konjunktur. Zu den weniger bekannten Werken Jane Austens zählt ihr letzter, vollständiger Roman, der erst nach ihrem Tod erschien, Persuasion. Der deutsche Titel variiert, lautet mal Anne Elliot, Die Liebe der Anne Elliot, schlicht Überredung oder in der jüngsten Übersetzung Anne Elliot und die Kraft der Überredung.

Die letzte Verfilmung des Stoffes war 2007 mit Sally Hawkins in der Hauptrolle, und ich meine, kürzlich gelesen zu haben, dass es Überlegungen gibt, das Buch ein weiteres Mal umzusetzen. Letzte Woche bin ich bei Amazon Prime zufällig auf eine Version aus dem Jahr 1995 gestoßen, die ich noch nicht kannte und bei der ich natürlich nicht widerstehen konnte. Irreführend ist nur wieder einmal der (völlig unpassende) deutsche Titel …

Jane Austens Verführung

Anne Elliot (Amanda Root) ist eine kluge, gebildete und schüchterne Frau Ende zwanzig, die mit einer furchtbaren Familie geschlagen ist: Ihr oberflächlicher, eitler Vater (Corin Redgrave) hat weit über seine finanziellen Verhältnisse gelebt, weshalb er das Familienanwesen vermieten und sich mit einer bescheideneren Bleibe in Bath begnügen muss. Während er bereits mit Annes Schwester Elizabeth (Phoebe Nicolls) abreist, wird Anne dazu verdonnert, sich um ihre jüngere Schwester Mary (Sophie Thompson) zu kümmern, die in ihrer Ehe unglücklich ist und in ihrem Selbstmitleid ertrinkt. Auf dem Anwesen ihres Schwagers lernt Anne die neuen Mieter ihres Vaters kennen, ein Admiral (John Woodvine) und seine Frau (Fiona Shaw), die just die Schwester des Mannes ist, in den Anne vor acht Jahren verliebt war. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie ihrem früheren Galan Wentworth (Ciarán Hinds) wieder über den Weg läuft und feststellt, dass sie immer noch Gefühle für ihn hat …

Verglichen mit Jane Austens bekannteren Werken wie Stolz und Vorurteil oder Sinn und Sinnlichkeit wirkt Persuasion (Ich bleibe jetzt mal beim englischen Titel) seltsam spröde und unromantisch. Dabei geht es auch in diesem Buch um eine Liebesgeschichte, nur sind die Protagonisten etwas reifer und gesetzter, und die Emotionen weniger stürmisch, sondern mehr als in den anderen Romanen eingehegt von Vernunft und Pragmatismus. Wobei: Anne Elliot ist erst 27, was zur damaligen Zeit allerdings bedeutete, dass sie bereits als alte Jungfer angesehen wurde.

Wie alle Heldinnen von Austen ist auch Anne eine intelligente, belesene Frau mit einer großen Portion gesundem Menschenverstand, die sich nicht leichtfertig auf eine Ehe einlässt, sondern sorgfältig abwägt und besonderen Wert auf das Wesen und den Charakter ihres Verehrers legt. Dass sie Wentworth Jahre zuvor abgewiesen hatte, war deshalb weniger ihren Gefühlen für ihn geschuldet, sondern vielmehr seiner unsicheren finanziellen Situation und dem Umstand, dass er kurz davor stand, in den Krieg gegen Napoleon zu ziehen. Doch nun ist er zurück und dank einiger erbeuteter französischer Schiffe ein reicher Mann. Verwundert stellt Emma fest, dass sie sich immer noch zu ihm hingezogen fühlt, doch Wentworth beachtet sie nicht mehr und scheint um eine andere zu werben.

An dieser Konstellation sieht man bereits, dass dies keine übliche Liebesgeschichte ist und vor allem keine, die von stürmischer Leidenschaft geprägt ist. Beide Liebende müssen vielmehr herausfinden, ob ihre Gefühle noch erwidert werden, in einer Zeit, in der über Emotionen nicht gesprochen werden durfte.

Angesichts der romantischen Verwicklungen in Austens Werken übersieht man leicht die starke Gesellschaftskritik, die sich gegen patriarchalische Strukturen, strikte gesellschaftliche Grenzen und die Benachteiligung der Frauen allgemein richtet. In der Beschreibung mancher Figuren liegt dabei sogar so viel Schärfe, dass man sich bisweilen an Charles Dickens erinnert fühlt. Das alles vermittelt der Film von Roger Michell sehr gut, ohne dabei seiner Vorlage untreu zu werden oder die Figuren zu überzeichnen. Es ist eine recht werkgetreue Adaption mit klugen Dialogen voller Subtext und intelligenter Anspielungen.

Leider ist der Film nicht gut gealtert, die Farben wirken seltsam blass, und auch die fast dokumentarisch anmutende Kamera ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Alles in allem ist diese Verfilmung aber gut gelungen und der Film für Liebhaber von historischen Stoffen ein Muss.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...