A Cure for Wellness

Manchmal bekommt man auf Tradeshows längere Ausschnitte von Filmen zu sehen, die in naher Zukunft starten – in diesem Fall waren es sogar 40 Minuten, die uns vorab gezeigt wurden. Als Appetithäppchen war das etwas zu viel, und obwohl mir der Anfang durchaus gefallen hat, hatte ich keine Lust mehr, ihn noch einmal im Kino zu sehen. Inzwischen ist jedoch viel Zeit vergangen und der Film bei Amazon Prime erhältlich, und da ich gerade Lust hatte auf einen eher „sanften“ Gruselfilm, habe ich ihn mir endlich angeschaut.

A Cure for Wellness

Lockhart (Dane DeHaan) ist ein ehrgeiziger Workaholic in einer New Yorker Finanzfirma, der in seiner Arbeit auch auf halb legale oder sogar illegale Praktiken zurückgreift. Nach dem Tod eines Mitarbeiters wird er auf dessen Position befördert, zugleich werden aber auch seine krummen Geschäfte der Geschäftsführung bekannt. Deshalb wird ihm eine besondere Aufgabe zuteil: Er soll in ein Schweizer Kurhotel reisen und das Vorstandsmitglied Pembroke (Harry Groener) zurückholen, dessen Unterschrift für eine Fusion benötigt wird – und der auch als Sündenbock für Lockhart dienen soll. Doch als der junge Mann in der Schweiz eintrifft, gelingt es ihm nicht, Pembroke zu sprechen. Auf dem Weg zu seiner Unterkunft in einem nahen Dorf hat Lockhart schließlich einen Autounfall – und landet als Patient in der mysteriösen Klinik …

Die Grundidee, eine Art Horrorversion von Manns Der Zauberberg zu inszenieren, ist nicht schlecht, und auch das Setting in den Schweizer Alpen mit einer neogotischen Burg als Sanatorium (eigentlich Burg Hohenzollern in Baden-Württemberg) ist hübsch anzusehen. Regisseur Gore Verbinski findet schöne Bilder, die geheimnisvoll und unheimlich wirken, und zusammen mit seinem Drehbuchautor Justin Haythe hat er sich eine dazu passende düstere Geschichte ausgedacht.

Wie in solchen Horrorfilmen üblich, spielt eine lokale Sage eine große Rolle beim Verständnis der Ereignisse. In diesem Fall geht es um einen verrückten Baron, Inzest und wissenschaftliche Experimente, die an Mary Shelleys Frankenstein denken lassen. Dazu passt auch die Ausstattung des Kurhotels, die an die vorletzte Jahrhundertwende erinnert. Mit Dr. Volmer (Jason Isaacs) gibt es zudem einen leitenden Arzt, der seine sinisteren Absichten hinter einer Maske wohlwollender Freundlichkeit verbirgt, dem der geneigte Zuschauer jedoch ebenso wenig vertraut wie der Held der Geschichte.

Das größte Problem des Films ist dementsprechend seine Vorhersehbarkeit. Schon nach kurzer Zeit ist jedem klar, wer Dr. Volmer wirklich ist und was er beabsichtigt, dazu sind die ausgelegten Fährten einfach zu offensichtlich. Dadurch hat man genügend Zeit, sich zu fragen, warum kein Mensch die vielen mächtigen und schwerreichen Patienten vermisst, die sich entscheiden, das Sanatorium nicht mehr zu verlassen. Eigentlich müsste es viel häufiger einen Lockhart geben, der seinen Pembroke sucht. Das ist aber auch der einzige größere Logikfehler einer ansonsten angenehm gruseligen Story.

Leider nimmt sich Verbinski zu viel Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Mit knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit ist der Film fast eine Stunde zu lang und daher langatmig, mitunter sogar langweilig. Dane DeHaan macht seine Sache zwar gut, ist mit einem gebrochenen Bein jedoch nicht gerade der Flotteste und braucht auch zu lange, bevor er endlich aktiv wird. Mit Hannah (Mia Goth) gibt es ein Mädchen, mit dem er sich anfreundet, aber eine Liebesgeschichte entwickelt sich aufgrund ihres Alters natürlich nicht. Was bleibt, sind schöne Kamerafahrten durch lange, unheimliche Gänge, malerische Aufnahmen von pittoresken Bergen und einige wenige Ekel-Momente, in denen häufig Aale eine glitschige Rolle spielen. Insgesamt also Grusel-light.

Enttäuschend fällt auch der Showdown aus, der ein wenig uninspiriert und schwach inszeniert ist. Zu diesem Zeitpunkt hat man bereits das Gefühl, dass Verbinski nicht mehr genau wusste, was ihn an seiner Idee ursprünglich interessiert hat und was er eigentlich erzählen will. So wird noch ein bisschen halbherzig etwas Gesellschaftskritik hinterhergeliefert, aber sie wirkt eher aufgesetzt und unglaubwürdig.

Alles in allem ein hübsch bebilderter, mäßig gruseliger Horrorfilm nach dem üblichen Erzählmuster. Daraus hätte man mehr machen können, für einen nebligen Oktobernachmittag auf der Couch reicht es aber.

Note: 4+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...