Vice – Der zweite Mann

Im dritten Beitrag meiner „politischen Woche“ geht es um einen Film, der für acht Oscars nominiert war und eigentlich zu den Filmen gehörte, auf die ich 2019 besonders neugierig war. Aber mitten in den Trump-Jahren stand mir dann doch nicht unbedingt der Sinn danach, mich mit den Verfehlungen einer früheren republikanischen US-Administration auseinanderzusetzen, und so landete der Film schließlich auf meiner Watchlist. Da er jedoch in Kürze von Prime Video verschwindet, war es endlich an der Zeit, ihn mir anzusehen.

Vice – Der zweite Mann

Dick Cheney (Christian Bale) ist Anfang der Sechzigerjahre ein lausiger Student, nachlässiger Ehemann und schwerer Trinker, der die Uni ohne Abschluss abbricht und von seiner Frau Lynne (Amy Adams) vor die Wahl gestellt wird: Entweder, er reißt sich endlich zusammen und stellt etwas auf die Beine, oder sie verlässt ihn. Dass er sich für Lynne und seine Liebe zu ihr, die ein Leben lang halten soll, entscheidet, ehrt ihn, beweist aber auch, dass hinter jedem ehrgeizigen Mann eine noch entschlossenere Frau steht.

Cheney macht alsbald in Washington Karriere, zunächst als Assistent von Donald Rumsfeld (Steve Carell), der ihn mit den Wirkweisen politischer Macht und den schmutzigen Tricks zu ihrer Erlangung vertraut macht. Die beiden werden bald gute Freunde und fördern sich gegenseitig.

Ihre Stunde schlägt nach der Abdankung Nixons, als Rumsfeld zum Verteidigungsminister und Cheney zum Stabschef im Weißen Haus aufsteigt, doch mit dem Sieg Jimmy Carters ist es erst einmal vorbei mit dem Leben in Washington. Cheney erkämpft sich – vor allem mit Lynnes Hilfe – einen Sitz im Kongress und erleidet seinen ersten Herzinfarkt. Doch auch seine gesundheitlichen Probleme hindern ihn nicht daran, zu einem der einflussreichsten Republikaner des Landes zu werden.

Zeit seines Lebens ist Cheney aber ein Mann im Hintergrund geblieben, zu unbeliebt, zu wenig publikumswirksam in seinen Wahlkampfauftritten, um im Rennen ums Weiße Haus mitmischen zu können (und eine lesbische Tochter (Alison Pill) erschwert zusätzlich seinen Stand bei den Evangelikalen). Nach seinem Rückzug ins Private und an die Spitze des Rüstungskonzerns Halliburton, bekommt er jedoch unerwartet die Chance seines Lebens, als George W. Bush (Sam Rockwell) ihn bittet, sein Vizepräsident zu werden …

Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Das größte Manko des Films ist gleichzeitig eine seiner größten Stärken: Adam McKay, der auch das Drehbuch geschrieben hat, erzählt seine Geschichte äußerst knapp. Dramaturgisch gesehen ist das wunderbar, da er gekonnt jede Szene auf den Punkt bringt, nur das Wichtigste herausstreicht und dann zum nächsten Thema übergeht. Das Tempo ist rasant, sorgt aber auch dafür, dass man sich als Zuschauer ohne genaue Kenntnisse der amerikanischen Politik der letzten fünfzig Jahre bisweilen abgehängt fühlt.

Deshalb gibt uns McKay einen Führer an die Hand, einen Erzähler namens Kurt (Jesse Plemons), der Cheneys Leben kommentiert und uns die Hintergründe zu verschiedenen komplizierten Sachverhalten erklärt. Diese werden von McKay zudem noch ansprechend bebildert, womit er sich bereits in The Big Short einen Namen gemacht hat. Manche Szenen werden mit satirischem Biss erzählt, andere erinnern eher an eine Persiflage oder werden mit zeitgenössischen Werbe-Einspielern konterkariert. Alles in allem ist die Inszenierung so flott, abwechslungs- und einfallsreich, dass der Film nicht eine Sekunde lang langweilig ist. Das meiste kennt man natürlich bereits, auch wenn das eine oder andere Detail inzwischen in Vergessenheit geraten ist. So wusste ich zwar noch, dass Cheney auf einer Jagd jemanden angeschossen, aber nicht, dass sein Opfer sich anschließend öffentlich bei ihm entschuldigt hat. Wäre das ein Drehbucheinfall, niemand würde es glauben …

McKays Film ist eine lange Reise in die Dunkelheit amerikanischer Politik, für jeden Menschen mit gesundem Gerechtigkeitsempfinden nur schwer zu ertragen, aber wichtig und hilfreich, um die aktuellen Ereignisse einzuordnen. Die Schauspieler agieren allesamt großartig, und selbst winzige Nebenrollen sind mit hochkarätigen Namen besetzt, was das Vergnügen noch mal erhöht.

Wahrscheinlich arbeiten die Drehbuchautoren Hollywoods bereits an ihren Büchern über die Trump-Jahre. Mit The Comey Rule: Größer als das Amt ist bereits der Anfang gemacht, es werden sicherlich weitere folgen …

Note: 2

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...