Dumplin‘

Bei manchen Streamingfilmen kann ich nicht mehr sagen, wie ich auf sie aufmerksam wurde. Vielleicht habe ich den Trailer gesehen, der mir gefallen hat, oder ich habe etwas über den Film, seine Besetzung oder sein Thema gelesen, und manchmal wurden sie mir auch von Freunden oder Kollegen empfohlen. Dumplin’ ist so ein Fall. Der Film kam vergangenes Jahr im Mai zu Netflix, schaffte es zwar nicht auf meine Watchliste, wurde mir aber immer wieder vorgeschlagen. Jetzt habe ich – am Ende eines langen, wenig erfreulichen Tages, als ich, sagen wir mal … mit der Gesamtsituation wenig zufrieden war – einen Blick riskiert.

Dumplin’

Willowdean (Danielle Macdonald) wächst in einer Kleinstadt in Texas auf, die sich damit rühmt, die Heimat der ersten Misswahl des Staates zu sein. Neben den üblichen Sportveranstaltungen und den Schulbällen ist es zudem das gesellschaftliche Großereignis des Jahres. Doch Willowdean entspricht mit ihrem Übergewicht nicht gerade dem amerikanischen Schönheitsideal, außerdem leidet sie noch immer unter dem Verlust ihrer Tante Lucy (Hilliary Begley), der sie praktisch großgezogen hat, und der Tatsache, dass ihre Mutter Rosie (Jennifer Aniston) eine ehemalige Schönheitskönigin und die Produzentin der jährlichen Misswahl ist. Aus Protest gegen diese chauvinistische Veranstaltung meldet sie sich mit ihrer besten Freundin Ellen (Odeya Rush), der ebenfalls übergewichtigen Millicent (Maddie Baillio) und der feministischen Hannah (Bex Taylor-Klaus) an …

Vielleicht wäre dies der passendere Beitrag zum Weltfrauentag gewesen, aber zu dem Zeitpunkt kannte ich den Film noch nicht. Auf der anderen Seite geht es in dem Film von Anne Fletcher nicht in erster Linie um patriarchalische Strukturen in texanischen Kleinstädten, überkommene Frauenbilder oder den Sinn bzw. Unsinn von Misswahlen, sondern ganz klassisch um die Geschichte einer Selbstfindung. Also das klassische Sujet eines Teenie-Films. Das Drehbuch von Kristin Hahn basiert dabei auf dem Roman von Julie Murphy.

Willowdean fühlt sich eigentlich recht wohl in ihrer Haut, auch wenn sie gelegentlich wegen ihres Gewichts gehänselt wird. Was erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass sie in Texas lebt, in dem ich mehr übergewichtige Menschen gesehen habe als in allen anderen bereisten Bundesstaaten. Aber vielleicht täuscht meine Wahrnehmung.

Als Zuschauer mag man Willowdean von Anfang an, weil sie ungeheuer liebenswert, klug und freundlich ist. Die ersten Szenen gehören allein ihrem kindlichen, pummeligen Ich sowie ihrer Tante Lucy und erzeugen eine eigenartige Magie, denn beide sind riesige Fans von Dolly Parton und sprühen nur so vor Lebensfreude. Entsprechend liegt über allem ein Hauch von Optimismus – und Country-Musik.

Eine wichtige Rolle spielt ferner ein bizarrer, für das ländliche Texas unerwarteter Nachtclub, in dem ausschließlich Dolly Parton-Imitatoren auftreten. Natürlich mutieren sie – so viel Klischee muss sein – später zu queeren Feen, die den Außenseiterinnen dabei helfen, den Schönheitswettbewerb zu rocken. Und als hätte man die Rolle von Dolly Parton als Willowdeans Schutzheiliger noch nicht begriffen, wird bei jeder passenden Gelegenheit aus dem Fundus ihrer Weisheiten zitiert. Überraschenderweise passt das alles sehr gut zusammen, und selbst wenn man kein Fan ihrer Musik ist, kann man die Frau immerhin für ihren Mut und ihre perfektionierte Selbstironie bewundern.

Aber zurück zu Willowdean, die nach der Schule in einem Fast Food-Restaurant arbeitet, zusammen mit dem attraktiven Bo (Luke Benward), der ein Auge auf sie geworfen hat. Sein Interesse verunsichert Willowdean jedoch, weil sie sich zum ersten Mal durch die Augen anderer betrachtet. Ihr Problem verschärft sich sogar noch, als sie erkennt, dass ihre beste Freundin Ellen durchaus gute Chancen hat, den Wettbewerb zu gewinnen. Sie reagiert mit Neid und Unsicherheit, was zu einem Zerwürfnis mit Ellen führt.

Es geht also um verschiedene, höchst unterschiedliche Themen und ein halbes Dutzend Konflikte, denn auch die anderen Mädchen habe ihre eigenen Gründe, an der Wahl teilzunehmen, stoßen dabei auf Schwierigkeiten und durchlaufen eine Entwicklung. Jede für sich lernt etwas dabei, wobei Ellen und Hannah leider zugunsten der anderen zurückstecken müssen. Und natürlich geht es auch um das schwierige Verhältnis zwischen Willowdean und ihrer Mutter, die ihre Tochter nur Dumpling nennt und gar nicht merkt, wie verletzend das ist. Für einen Film, der nur gute hundert Minuten dauert, ist das eine ganze Menge. Manches hätte man vertiefen können: Sowohl Rosies Story einer früheren Schönheitskönigin, die immer noch vom Ruhm längst vergangener Tage zehrt, als auch das Mutter-Tochter-Verhältnis werden viel zu oberflächlich und zu wenig dramatisch geschildert. Und auch der Schönheitswettbewerb verläuft viel zu glatt und harmonisch.

Doch dafür man wird mit einer wunderbaren Hauptdarstellerin belohnt, der man gerne zuschaut, einer sich angenehm zurückhaltenden Jennifer Aniston und einer Story, die einem immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Dafür verzeiht man dem Film durchaus den einen oder anderen Makel – wir sind schließlich alle nicht perfekt.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...