Cruella

Den Zeichentrickfilm 101 Dalmatiner habe ich bei einer Wiederaufführung im Kino gesehen, als ich ungefähr zehn war. Beeindruckt hat er mich damals nicht, Das Dschungelbuch, den ich ungefähr zur selben Zeit gesehen habe, hat mir viel besser gefallen, aber eine Figur ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Cruella de Vil. Kein Wunder, diese exzentrische Frau mit den schwarz-weißen Haaren, die so grausam ist, einen Mantel aus dem Fell der süßen Dalmatiner schneidern zu wollen, ist niemand, den man leicht vergisst und zählt nicht umsonst zu den bekanntesten Bösewichtern des Disney-Universums.

Kein Wunder, dass der Konzern sich dazu entschieden hat, einen Film über ihren Werdegang zu drehen, und nachdem mir der Trailer gut gefallen hat und ich sowieso ein Fan von Emma Stone bin, habe ich ihn mir nun auf Disney+ angesehen.

Cruella

Als hochbegabtes, aber rebellisches Mädchen hat es Estella nicht leicht, und nachdem ihre Mutter (Emily Beecham) bei einem mysteriösen Unfall ums Leben gekommen ist, an dem das Kind sich die Schuld gibt, ist sie ganz allein auf der Welt. In London trifft sie zwei junge Taschendiebe, die sie bei sich aufnehmen. Zehn Jahre später versucht Estella (Emma Stone), sich als Fashiondesignerin zu etablieren, indem sie einen Job im berühmten Modehaus der Baroness (Emma Thompson) ergattert. Doch ihre gemeine Chefin nutzt nur ihr Talent aus und behandelt sie schlecht. Als Estella irgendwann herausfindet, wer die Baroness in Wahrheit ist und was sie ihr angetan hat, sinnt sie auf Rache. Dazu muss sie sich jedoch ihrer dunklen Seite stellen und einen finsteren Teil ihrer Persönlichkeit reaktivieren, den sie jahrelang unterdrückt hat: Sie muss zu Cruella werden …

Vor allem in Comics kann man eine Dualität sowohl bei Superhelden als auch bei den Schurken beobachten, die einen sind hin und hergerissen zwischen ihrem Pflichtgefühl und ihrer Sehnsucht nach einem bürgerlichen Leben, die anderen zwischen Gut und Böse, in das sich nicht selten ein Hauch von Wahnsinn mischt. Schon von Kindesbeinen an besitzt Estella eine zwiegespaltene Persönlichkeit, ist einmal brav und angepasst, dann rebellisch und kampfbereit. Aber böse ist sie streng genommen nicht.

Die Autoren erzählen recht geschickt von früher weiblicher Selbstbehauptung, denn Estella ist nicht nur ein Mädchen, das mit seinen schwarz-weißen Haaren anders aussieht, sie ist auch arm und wird deshalb an ihrer Eliteschule, die sie aufgrund eines Stipendiums besuchen darf, gnadenlos gemobbt. Insbesondere die Jungs drangsalieren sie, und Estella setzt sich zur Wehr, indem sie ebenso hart zurückschlägt. Damit zerstört sie das Bild, das die damalige Gesellschaft von einem kleinen Mädchen hatte, das duldsam und fügsam sein soll. Sogar ihre Mutter verabscheut diesen aggressiven Charakterzug und nennt sie in diesen Momenten Cruella. Passenderweise lautet der Titel des ersten Buches, das Dodie Smith, die 1956 mit 101 Dalmatiner ihrem verstorbenen Hund Pongo ein Denkmal gesetzt hat, mit nur neunzehn Jahren veröffentlicht hat, Schoolgirl Rebels.

Leider wird dieser Aspekt der Geschichte viel zu wenig ergründet. Statt sich näher mit seiner Hauptfigur zu beschäftigen, die einen Platz in dieser frauenfeindlichen Gesellschaft und gleichzeitig zu sich selbst finden muss, setzt Regisseur Craig Gillespie auf Ablenkung und Spektakel. In den ersten Filmsequenzen, die von Estellas Kindheit handeln, steht die Kamera nie still, sondern fährt unablässig durch die Szenerie wie eine Gondel in einem Fahrgeschäft von Disneyland. Der Zuschauer bekommt ständig neue Bilder und Eindrücke vermittelt, und alles ist so bunt und überladen und hektisch, dass man nicht einmal innehalten und über das Gesehene nachdenken kann.

Auch nach dem Zeitsprung von zehn Jahren ändert sich das nicht. Man sieht Estella und ihren Freunde Jasper (Joel Fry) und Horace (Paul Walter Hauser) bei ihren Diebeszügen zu, die an Oliver Twist erinnern, verfolgt, wie sie in einem Luxuskaufhaus als Putzfrau schuftet, weil sie hofft, dort als Schneiderin angestellt zu werden (Hallo, Cinderella), bevor sie dann endlich, endlich (!) bei der Baroness landet.

Fairerweise muss man sagen, dass nicht nur der Anfang viel zu lang ist, sondern auch der Rest des Films, der eine Laufzeit von 133 Minuten besitzt. Auch sonst wird nicht gerade gekleckert, sondern geklotzt: Kostüme und Ausstattung sind vom Feinsten, aber alles wirkt auch ein klein wenig überproduziert. Weniger wäre hier ebenfalls mehr gewesen, eine Konzentration auf das Wesentliche, nämlich Cruellas psychologische Entwicklung, hätte stärker im Fokus stehen müssen.

Inhaltlich ist es eine simple Rachegeschichte, die gegen Ende noch einen überraschenden Twist enthält, der ebenfalls etwas Tiefe hätte erzeugen können. Estella/Cruella hätte ein moderner, feministischer Gegenentwurf zur eiskalten Baroness sein können, die glaubt, um sich in einer patriarchalen Welt behaupten zu können, müsse sie mindestens so skrupellos und ehrgeizig sein wie ein Mann. Dafür sind die Figuren jedoch zu flach und eindimensional gezeichnet, und die Story kratzt immer wieder an ihrer Metaebene, ohne sie letztendlich zu erreichen.

Zum Ausgleich gibt es, wenig überraschend, eine Menge Spektakel. Das Duell zwischen Cruella und der Baroness ist amüsant und schön in Szene gesetzt. Inzwischen spielt die Geschichte in den Siebzigern, und die Punkrevolution feiert einen modischen Aufstand mit Kostümen à la Vivienne Westwood. Das ist rotzig-frech, in der x-ten Wiederholung aber auch etwas ermüdend.

Überhaupt wird man den Eindruck nicht los, die Autoren hätten sich an einer Checkliste abgearbeitet: die ungewöhnliche Haarfarbe, die Herkunft von Jasper und Horace, Cruellas Oldtimer und sogar die Dalmatiner – alles wird erklärt und eingeordnet. Anders als in Das Geheimnis des verborgenen Tempels, in dem es um Sherlocks Holmes’ Jugend geht, dreht sich hier alles in erster Linie um die Herkunft der Attribute und Begleiter, weniger um die Psychologie der Figur, und das ist schade.

Der Film ist – trotz seiner Längen – unterhaltsam und erscheint wie eine etwas unglückliche Mischung aus Der Joker und Der Teufel trägt Prada.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...