Rififi

Der Film gehört zu den großen Klassikern der Filmgeschichte, und vielleicht habe ich ihn einmal als Kind gesehen, kann mich aber nicht mehr daran erinnern. Truffaut nannte ihn den besten Kriminalfilm, den er je gesehen habe, basierend auf der schlechtesten Novelle, die er je gelesen habe. Seine Einbruchsszene ist so legendär, dass sie oft zitiert oder sogar parodiert wurde, unter anderem vom Regisseur höchstselbst in Topkapi. Sie erschien der Polizei sogar so authentisch, dass sie den Versuch unternahm, den Film verbieten zu lassen.

Rififi ist ein Klassiker des Film Noir und gewissermaßen die Mutter aller Heist-Filme, da viele Elemente, die dieses Subgenre ausmachen, hier vorexerziert werden. Als ich kürzlich bei Prime Video über den Titel gestolpert bin, war klar, dass ich ihn endlich anschauen muss.

Rififi

Der sanfte Tony (Jean Servais) ist seit seiner Haftentlassung gesundheitlich angeschlagen und verloren. Sein ehemaliger Komplize und Freund Jo (Carl Möhner), den er damals gedeckt hat, schlägt ihm vor, einen Juwelier zu überfallen, doch Tony zögert und sagt nur zu, wenn sie daraus einen großen Coup machen, mit dem sie ausgesorgt hätten. Mario (Robert Manuel), mit dem Jo den Raub geplant hatte, bringt daraufhin den italienischen Safeknacker César (Jules Dassin als Perlo Vita) ins Spiel, doch das Geschäft besitzt eine moderne Alarmanlage, die auf laute Geräusche und Erschütterungen reagiert und nicht so leicht auszuschalten ist.

Zu den Elementen des Heist-Movies gehört immer auch die Aufstellung des Teams. Dadurch kann man verschiedene, mitunter gegensätzliche Persönlichkeiten einbringen, die für interne Konflikte sorgen, es bietet sich die Gelegenheit, mehrere bekannte Schauspieler zu gewinnen, die in ihren jeweiligen Parts glänzen können, und oft genug wird das Ganze mit einer Prise Humor gewürzt. In Rififi bleibt man jedoch ernst, schließlich ist es keine Gaunerkomödie, und auch die Figurenaufstellung unterliegt eher pragmatischen Gesichtspunkten: Mit Tony gibt es den typischen Anführer, Jo sorgt für die Muskeln, Mario ist der temperamentvolle Sidekick, und César der dringend benötigte Spezialist.

Im Mittelpunkt steht vor allem Tony, der nicht so recht in sein altes Leben zurückfinden kann. Seine Freundin Mado (Marie Sabouret) hat ihn schon kurz nach seiner Verurteilung verlassen, um sich mit dem zwielichtigen Nachtclubbesitzer Grutter (Marcel Lupovici) einzulassen, weshalb Tony sie brutal verprügelt. Aus heutiger Sicht ist das eine Szene, die die Figur nachhaltig beschädigt, damals hat man das wohl eher mit einem Achselzucken hingenommen. Auch die anderen Frauen im Film spielen nur Statistenrollen, sind entweder Mütter bzw. treusorgende Geliebte oder Damen von zweifelhaftem Ruf und lockerer Moral. Aber den Film an heutigen Maßstäben zu messen, ist unfair.

Als typischer Gangsterfilm ist es ein reines Männerabenteuer. Die vier Gauner brauchen eine Weile, bis sie ihren Plan ausgetüftelt haben und der Coup beginnen kann. Der Raubzug, in der Vorlage kaum erwähnt, ist das Herzstück des Films und eine inszenatorische Meisterleistung. Jules Dassin, der eigentlich Amerikaner war und einige Film Noir-Werke inszeniert hatte, bevor er als Kommunist unter McCarthy Hollywood und Amerika verlassen musste, stellt den Raubzug minutiös nach. Knapp ein Drittel der gesamten Handlung entfällt auf den Einbruch, und diese Sequenz kommt ohne jeglichen Dialog oder Musik aus und ist gerade deshalb ungeheuer spannend.

Heutige Heist-Movies enden oft mit dem erfolgreich durchgeführten Coup, doch Rififi geht hier noch weiter und schlägt gewissermaßen ein neues, düsteres Kapitel auf. Denn nicht nur die Polizei macht Jagd auf die Täter, sondern auch Grutter und seine Helfershelfer, die vor nichts zurückschrecken, um an die Beute zu kommen. Die Botschaft, die damit gesendet wird, ist überdeutlich: Verbrechen lohnt sich nicht.

Aus heutiger Sicht mangelt es dem Film gelegentlich an Tempo, und auch das Frauenbild ist, wie schon gesagt, zweifelhaft, doch Rififi ist ein Klassiker, den man als Krimi-Fan einmal gesehen haben sollte. Ein spannendes Heist-Movie aus einer längst vergangenen Epoche.

Note: 2-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...