Everything Everwhere All at Once

Bevor wir alle heute ins Multiversum des Wahnsinns abdriften, ist vergangene Woche bereits ein weiterer Film gestartet, der sich mit dem Thema beschäftigt hat. Das Multiversum ist total in, dabei ist es bereits ein uralter Hut. Oder ein alter Bagel?

Ich glaube, zum ersten Mal habe ich Mitte der Neunziger davon gehört und auch eine Story dazu entwickelt, über einen Mann, der jedes Mal, wenn er einschläft, in einer Parallelwelt erwacht. Wollte damals natürlich keiner haben, viel zu abgedreht. Inzwischen, wie gesagt, ein ausgelutschtes Thema. Und wenn ich ehrlich bin, ich kann das Wort Multiversum nicht mehr hören. Die Idee dahinter mag interessant sein, und vielleicht existieren Paralleluniversen, in denen andere physikalische Gesetze gelten, aber zu glauben, dass jede unserer Entscheidungen zu einer Aufspaltung des Universums und zur parallelen Existenz unterschiedlicher Versionen unserer selbst führen würde, ist ein ausgesprochen anthropozentrischer und eitler Gedanke.

Aber als Ausgangspunkt für eine Geschichte, mal abgesehen vom Mangel an Originalität, durchaus faszinierend. Zudem ist Everything Everwhere All at Once gerade der Film der Stunde, überall begeistert gefeiert und auf dem besten Weg, Kultstatus zu erlangen, also musste ich ihn mir ansehen.

Everything Everwhere All at Once

Evelyn (Michelle Yeoh) ist eine chinesisch-stämmige Einwanderin in den USA, die zusammen mit ihrem Mann Waymond (Ke Huy Quan) einen Waschsalon betreibt. Ausgerechnet am chinesischen Neujahrstag, den sie groß mit der Familie und den Kunden feiern will, stürzt ihr Leben ins Chaos: Waymond will sich scheiden lassen, ihr Vater besucht sie, der lange gegen ihre Ehe war und den sie nun unbedingt beeindrucken will, ihre Tochter Joy (Stephanie Hsu), mit deren sexueller Orientierung die Mutter hadert, will ihre Freundin Becky (Tallie Medel) mit zum Fest bringen, und zu allem Überfluss droht mächtiger Ärger mit einer strengen Finanzbeamtin (Jamie Lee Curtis), weil Evelyn eine fehlerhafte Steuererklärung abgegeben hat. Auf dem Weg zur Behörde verändert sich Waymond plötzlich und behauptet, aus einem anderen Universum zu stammen, in dem Evelyn eine berühmte Wissenschaftlerin ist, die eine Technologie entwickelt hat, der es Menschen ermöglicht, auf die Erfahrungen und Emotionen anderer Versionen ihrer selbst in Parallelwelten zuzugreifen. Dadurch ist jedoch ein mächtiges, multidimensionales und überaus gefährliches Wesen namens Jobu Tupaki entstanden, das nun Jagd auf alle Evelyns macht, und nur sie kann es aufhalten …

Wer nach dieser kurzen Zusammenfassung glaubt, der Film sei abgedreht, sollte wissen: Das Ganze ist noch sehr viel verrückter. Everything Everwhere All at Once ist ein Biest von einem Film, voller skurriler Einfälle und temporeich inszeniert, eine wilde Mischung aus Familiendrama, schriller Komödie, Martial-Arts-Movie und Parodie auf Ratatouille – um nur einige Aspekte zu benennen.

Passt das alles zusammen? Ja, überraschenderweise durchaus, denn im Kern ist die Geschichte ein sentimentales Mutter-Tochter-Drama, das gleichzeitig viel über die amerikanische und chinesische Gesellschaft erzählt. Dass in den USA nur Wohlstand und Erfolg zählen und die Menschen sich für ihre Karriere abrackern, um das größere Haus, den schöneren Wagen und insgesamt das bessere Leben zu haben, ist allgemein bekannt. In China ist es wohl nicht anders, und dort entsteht der Druck vor allem in den streng hierarchisch gegliederten Familien, die zudem noch Respekt vor den Älteren einfordern.

In einer Szene wird enthüllt, warum ausgerechnet die Version von Evelyn, die wir zuerst kennenlernen, prädestiniert ist, um gegen Jobu Tupaki zu kämpfen: Von allen Evelyns im Multiversum ist sie die größte Loserin, die einzige, die kein spezielles Talent entwickelt hat, was mit ein Grund dafür ist, dass die anderen so begabt sind. Ein netter Gedanke: Wenn wir in einer Sache versagen, können wir immer noch sagen, dass irgendwo eine Version von uns existiert, die rockt.

Man kann den Einfallsreichtum der beiden Autoren und Regisseure Daniel Kwan und Daniel Scheinert nicht genug loben, und es ist unmöglich, die filmische Tour de Force angemessen zu beschreiben oder die vielen Zitate und Anspielungen zu benennen. Vor allem der zweite der drei Teile, in die der Film gegliedert wird, ist ein filmischer Urknall der Ideen, die manchen Regisseuren für ihr Lebenswerk gereicht hätten. Die Daniels überraschen ihr Publikum dabei immer wieder, bringen es zum Lachen, oft genug aber auch zum Nachdenken. Denn im Kern handelt der Film von unseren Ängsten vor dem Unbekannten, der gewaltigen Größe des Universums mit all seinen Möglichkeiten, vor dem wir winzig sind und uns immer kleiner und unbedeutender fühlen. Er handelt aber auch davon, dass wir nur einander haben, um im Chaos dieser Welt bestehen zu können, gleichzeitig als Eltern aber auch lernen müssen, loszulassen, um den Kinder die Möglichkeit zu geben, ihr eigenes Potential zu ergründen.

Es gibt nur wenig, was man dem Film vorwerfen kann, ein Mangel an Originalität gehört sicher nicht dazu, auch wenn die Grundidee altbekannt ist und man manche Aspekte bereits kennt. Michelle Yeoh ist großartig als jede einzelne Evelyn, der Anker, der die Geschichte festhält, damit sie nicht im Chaos des Multiversums verloren geht.

Note: 2

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...