Wunderschön

Im Geschichtsunterricht spricht man vom „langen 19. Jahrhundert“, das von 1789 bis 1914 dauerte, und vielleicht spricht man in Zukunft auch vom langen Jahr 2020, das gefühlt erst dieses Frühjahr endete. Schuld daran ist natürlich die Pandemie mit ihren endlosen Lockdowns, die zum Beispiel für zahlreiche Verschiebungen auf dem Kinomarkt gesorgt haben, so dass dieselben Trailer immer und immer wieder zu sehen waren, die Filme aber nicht zum vorgesehenen Termin gestartet sind.

Ob es nun James Bonds letztes Abenteuer betrifft, das so lange verschoben wurden, dass die im Film gezeigten Markenprodukte bereits veraltet wirkten (zumindest aus der Sicht ihrer Hersteller), oder die Top Gun-Fortsetzung, auf die die Fans immer noch sehnsüchtig warten, ihre Trailer waren und sind feste Bestandteile des Kino-Limbus’. Auch ein deutscher Film gehörte dazu, den ich mir nun endlich angesehen habe.

Wunderschön

Frauke (Martina Gedeck) fühlt sich von ihrem Mann Wolfi (Joachim Król) nicht mehr begehrt und möchte mit einem Tango-Kurs ihrer Ehe neuen Pepp verleihen. Auch ihre Schwiegertochter Sonja (Karoline Herfurth) hadert mit ihrer Ehe und vor allem ihrem Körper, der ihr nach der Geburt des zweiten Kindes fremd und unansehnlich erscheint. Von ihrem Mann Milan (Friederich Mücke) kann sie leider kaum Verständnis oder Hilfe erwarten. Sonjas beste Freundin Vicky (Nora Tschirner) wiederum würde nie in die Beziehungsfalle tappen, vertraut auf One-Night-Stands und vermittelt als Kunstlehrerin ihren Schülern, nicht zu sehr auf das Äußere zu achten, sondern ihr Selbstwertgefühl aus ihren Talenten und Eigenschaften zu beziehen. Das ist vor allem für die pummelige Leyla (Dilara Aylin Ziem) nicht einfach, bis sie einer Baseballmannschaft beitritt und dabei einen süßen Jungen kennenlernt. Auch Vicky trifft einen interessanten Mann (Maximilian Brückner), der zum ersten Mal ihre Ansichten über das Leben und die Liebe erschüttert. Fraukes Tochter Julie (Emilia Schütte) wiederum lebt als Model von ihrem Aussehen, das bestimmten Normen unterliegt, die zu erfüllen schlichtweg unmöglich erscheinen.

Schon 1998 fragte Doris Dörrie Bin ich schön? und erzählte in ihrem Episodenfilm von der Liebe, aber auch vom Tod. Joachim Król gehörte übrigens ebenfalls zum Ensemble – und musste schon damals tanzen …

Karoline Herfurths Film hat außer den Rahmenbedingungen und gewissen thematischen Überschneidungen jedoch nicht viel mit Dörries Film gemeinsam, auch wenn sich mir dieser Vergleich sofort aufgedrängt hat. Herfurth legt den Fokus allein auf ihre weiblichen Figuren und stellt die Frage nach ihrer Selbstwahrnehmung, die immer auch ein Spiegelbild der Wahrnehmung anderer ist. So unterliegen die jugendliche Leyla und das Model Julie denselben Bewertungskriterien der Mode- und Schönheitsindustrie, die uns suggerieren, wie der weibliche Körper auszusehen hat. Während es Leyla, die eindrucksvoll von Dilara Aylin Ziem gespielt wird, schließlich gelingt, sich von dem gesellschaftlichen Diktat zu lösen, geht Julie daran fast zugrunde.

Leylas Geschichte funktioniert dabei wunderbar, lässt aber einige vertiefende Aspekte vermissen. So wird ihre zögerliche Liebelei viel zu schnell und oberflächlich abgehandelt, wie sich überhaupt in allen Episoden der Konflikt nicht richtig entwickeln kann. Gelegentlich kommt es zu einige Ausbrüchen, aber dramatische Höhepunkte sind eher rar. Man sagt sich einige unangenehme Wahrheiten und ist viel zu schnell viel zu einsichtig in die Notwendigkeit der Veränderung.

Herfurth und ihre Co-Autorinnen Lena Stahl und Monika Fäßler greifen dabei tief in die Klischeekiste. Die Ehekrise von Frauke und Wolfi wurde gefühlt in jedem dritten deutschen Film schon genauso erzählt, und natürlich muss ein Tangokurs zur Verdeutlichung der Leidenschaft bzw. ihres Fehlens herhalten. Auch zum Leben eines Models fallen den Verfasserinnen leider nur die üblichen Versatzstücke ein, die man zur Genüge kennt, was nur deshalb nicht zum Problem wird, weil die Figur durch ein ihr an die Seite gestelltes Kind geerdet wird.

Insgesamt wird zu viel gewollt, zu viel erzählt, wodurch zwangsläufig eine gewisse Oberflächlichkeit, aber auch Gehetztheit entsteht. Meistens besteht eine Szene aus dem Abfeuern einiger Schlagworte, bevor wieder zur nächsten Figur geschnitten wird. Dadurch bekommt der Film in der ersten Hälfte eine Getriebenheit, ohne das Tempo auf Dauer durchhalten zu können. Dank eines gut aufgelegten Ensembles aus erfahrenen Darstellern, die es schaffen, ihren Figuren Konturen und Substanz zu verleihen, fallen diese Mängel und kleinere Längen jedoch kaum auf. Wie so oft waren die besten Szenen und Bonmots bereits im Trailer zu sehen, dennoch unterhält Wunderschön auf charmante Art und Weise und schafft es zum Schluss sogar, den Zuschauer zu berühren.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...