The Night Comes For Us

Einmal die Woche trifft sich die alte InsideKino-Crew, um zusammen Filme oder Serien anzuschauen und zu diskutieren. Quasi ein Männerabend, und dazu braucht es (vor allem für Meister Mim) gelegentlich handfeste Action. Im Moment sehen wir die vierte Staffel von Fargo, die so etwas wie Der Pate ultra-light und in Zeitlupe ist. Wenn überraschend mal etwas passiert, hat man es garantiert verpasst, weil man kurz eingenickt war.

Dazwischen darf es also gerne mal etwas Lauteres und Schnelleres geben, so etwas wie die Tagesschau vielleicht, nur mit besseren Schauspielern. Oder etwas völlig Obskures. Da Meister Mim ein Fan von The Raid war, lag es nahe, The Night Comes For Us auf Netflix anzusehen, in dem der Hauptdarsteller des indonesischen Kult-Klassikers mitspielt und der gute Kritiken hatte. Interessanterweise wurde aus dem Drehbuch nicht gleich ein Film gemacht, sondern zunächst eine Graphic Novel, um dann über diesen Umweg auf die große Leinwand zu gelangen.

The Night Comes For Us

Ito (Joe Taslim) gehört zu den berüchtigten „sechs Meeren“, einer Elitetruppe der Triaden, die in ganz Südostasien den Drogen- und Menschenschmuggel beherrschen und mit unerbittlicher Härte für Ordnung sorgen. Als er mit seinen Männern ein Exempel an einem Dorf statuieren und alle Einwohner töten soll, bringt ihn der Anblick eines Mädchens dazu, mit seinem bisherigen Leben zu brechen: Er tötet stattdessen seine Crew und flieht mit dem Mädchen nach Jakarta, um bei seinen früheren Freunden Hilfe zu suchen. Doch die Triaden senden ihre Killer aus, darunter Arian (Iko Uwais), der ebenfalls zu Itos alten Freunden gehört …

Die Geschichte sprüht nicht gerade vor Originalität: Ein Elitekiller, der des unablässigen Tötens müde ist und sich gegen seine Auftraggeber wendet, gehört gewissermaßen zum Standardpersonal des Action-Thrillers. Und auch die Paarung brutaler Killer und unschuldiges Mädchen hat es einige Male gegeben.

Aber hier geht es nicht um die Neuerfindung des Rades, sondern um die solide Herstellung eines solchen. Und The Night Comes For Us hat alles, was das Action- und Martial-Arts-Herz begehrt: Heerscharen von Killern und tumben Bösewichtern, die dem Helden und seinen Helfershelfern nach dem Leben trachten, spannende Verfolgungsjagden und vor allem intensive Mano-a-Mano-Nahkämpfe, bei denen selbst simple Haushaltsgegenstände in tödliche Waffen verwandelt werden können. All das bietet der Film, wen stört es daher, dass mit The Operator (Julie Estelle) eine Figur wie aus dem Nichts auftaucht, über die man nichts erfährt, weder über ihre Ziele, die sich zwischendurch zu ändern scheinen, noch über ihre Motive, ohne die der Held aber keine Chance hätte. Deus ex machina in Reinkultur.

Auch die Dialoge gehören nicht gerade zu den Stärken von Autor und Regisseur Timo Tjahjanto, und die Dramaturgie holpert auch an der einen oder anderen Stelle. Es scheint, als hätte er verschiedene Ideen oder Bausteine aus dem Thriller-Repertoire benutzt, ohne diese sorgfältig genug in die Gesamtgeschichte einzubauen. Das fällt aber nur auf, wenn man einmal Zeit hat, über die Story nachzudenken, was lediglich im Mittelteil passiert, der einige Längen aufweist (manche sagen auch Atempause dazu).

Der Rest ist solide Action. Wer etwas für Filme wie The Raid oder Martial-Arts-Streifen allgemein übrig hat, sollte sich The Night Comes For Us nicht entgehen lassen. Nur eine Warnung vorweg: Es wird sehr, sehr brutal. Und blutig. Geradezu eklig. Nichts für schwache Nerven. Selbst der hart gesottene Meister Mim wurde zwischendurch etwas blass um die Nase.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...