Doctor Strange in the Multiverse of Madness

Wenn wir träumen, tauchen wir in die Leben unserer alternativen Ichs in den diversen Paralleluniversen ein, so lautet eine These in Doctor Strange in the Multiverse of Madness, die man auch bereits aus anderen Filmen und Serien kennt. In meinem Fall bedeutet es, dass meine alternativen Ichs viel spannendere Leben führen als ich selbst, wahlweise als Spione arbeiten, von Zombies gejagt oder von der Queen zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen werden. Tatsächlich habe ich wohl eine zu rege Fantasie und schaue zu viele Filme und Serien.

Vergangenes Wochenende stand Doctor Strange in the Multiverse of Madness auf dem Programm, auf den ich ziemlich neugierig war, weil ich mich immer noch frage, in welche Richtung sich die neue Phase des MCU entwickeln wird. Ob der Film darauf wohl eine Antwort bietet?

Doctor Strange in the Multiverse of Madness

America Chavez (Xochitl Gomez) hat das besondere Talent, von einem Universum ins andere springen zu können, weshalb sie von dunklen Mächten gejagt wird. Immer wieder sucht sie Hilfe bei Dr. Strange (Benedict Cumberbitch) und landet schließlich in unserem Universum – mit einem toten Strange im Gepäck. Der Zauberer zögert nicht, ihr im Kampf beizustehen, obwohl er etwas abgelenkt wird durch die Tatsache, dass seine große Liebe Christine (Rachel McAdams) einen anderen heiratet. Als Strange entdeckt, dass Americas Verfolger Magie benutzt, wendet er sich an Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen), nicht ahnend, dass sie diejenige ist, die das junge Mädchen jagt …

Im MCU wächst nun zusammen, was zusammengehört – und zwingt den Zuschauer, sich wirklich alles anzusehen, was Disney dazu produziert, denn alles hängt mit allem zusammen. In diesem Fall sollte man die Disney+-Serie WandaVision gesehen habe oder zumindest grob deren Inhalt kennen, um Doctor Strange in the Multiverse of Madness verstehen zu können. So sollte man wissen, dass Wanda in der Serie den Tod von Vision verdrängt, indem sie seine Projektion mittels Magie wiederauferstehen lässt und mit ihm und zwei Kindern ein Leben in einer amerikanischen Kleinstadt führt. Auch das magische, Darkhold genannte Buch wird in der Serie eingeführt, ebenso wie Maximoffs Verwandlung in die Scarlet Witch. Aber selbst, wenn man das alles weiß, bleiben noch einige Fragen offen: Wie hat Maximoff überhaupt von America erfahren, wenn diese in einem anderen Universum beheimatet ist? Und wozu braucht sie die Fähigkeiten des Mädchens, wenn sie mit Hilfe des Zauberbuchs ohnehin in der Lage ist, Einfluss auf eine Parallelwelt zu nehmen?

So offenbart sich gleich im ersten Drittel des Films seine grundlegende Schwäche: Es ist eigentlich kein Doctor Strange-Abenteuer, sondern die Story von Wanda Maximoff. Im Kern geht es um eine Frau, die mit der Trauer um einen großen Verlust, noch dazu einem doppelten, nicht zurechtkommt und daher schreckliche Dinge tut. Also im Prinzip genau das, was bereits in WandaVision erzählt wurde. Insofern ist Doctor Strange in the Multiverse of Madness sowohl eine Fortsetzung als auch eine Art von Remake der Serie.

Natürlich ist der Film darüber hinaus noch viel mehr, vor allem ein wildes, buntes Abenteuer, eine Jagd durch das Multiversum, in der Strange und America stets die Verfolgten sind. Regisseur Sam Raimi inszeniert die Story tempo- und actionreich, integriert sogar geschickt Elemente aus dem Horror-Genre, schafft es aber nicht durchweg, über die Schwächen des Drehbuchs von Michael Waldron hinwegzutäuschen, das insgesamt etwas blutleer und emotionslos wirkt. In Erinnerung werden wohl vor allem die Kämpfe bleiben, die Klopperei mit dem Kraken in New York zu Beginn oder das magisch-musikalische Duell, dass Strange mit einem seiner bösen Ichs am Ende führt.

Vielleicht erinnert man sich auch in erster Linie an die Gastauftritte von bekannten Figuren aus anderen Filmen, die teilweise nicht einmal zum MCU gehören, aber auch von Charakteren aus Disneys Animationsserie What If…? bzw. der wenig bekannten, inzwischen abgesetzten Serie Marvels Inhumans. Das macht es für Fans einerseits interessant, verwandelt das MCU aber andererseits in einen riesigen Gemischtwarenladen inklusive Resterampe. Man kann verstehen, dass das Multiversum als Idee faszinierend ist, dass sich dadurch zahllose Möglichkeiten bieten, beliebte Figuren, die bereits aus dem MCU herausgeschrieben wurden, noch einmal, und sei es für einen Gastauftritt, zu reaktivieren oder Konstellationen zu realisieren, die ansonsten nicht möglich wären. In allem liegt jedoch auch stets die Gefahr der Beliebigkeit.

Leider wird die große Frage, wohin das MCU steuern wird, wieder nicht beantwortet. Mit Doctor Strange in the Multiverse of Madness ist bereits die Hälfte von Phase Vier verstrichen, ohne dass eine Richtung oder ein neuer Bösewicht erkennbar wäre, und wir müssen wohl die nächsten Filme abwarten, um mehr zu wissen.

Trotz einiger Schwächen ist das neue Abenteuer von Doctor Strange ein unterhaltsamer, actionreicher Zeitvertreib, den man unbedingt auf der großen Leinwand gesehen haben sollte.

Note: 3

Nächste Woche sind Mark G. und ich auf der KINO 2022 in Baden-Baden, von der wir im Laufe der Woche berichten werden, und wir hoffen, dort möglichst viele Freunde und Bekannte aus der Branche zu treffen.

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...