The Walk

Was haben wir uns alle auf 2017 gefreut, und nun ist das Jahr schon wieder vorbei. Dabei waren die letzten zwölf Monate gar nicht mal so aufregend oder ereignisreich, aber nach dem Katastrophenjahr 2016 konnte es ja nur aufwärts gehen. Und 2018 wird natürlich noch viel, viel besser, das wird ein Jahr, das wir nie vergessen werden, voller Abenteuer im wahren Leben und großartiger Filme auf der Leinwand. Okay, man wird Anfang Januar ja noch träumen dürfen …

Diese Woche lasse ich es noch ruhig angehen, nach der Weihnachtszeit fällt es ja schwer, sich im trüben, grauen Januar zurechtzufinden und wieder an den tristen Alltag zu gewöhnen. Den Anfang macht der letzte Film, den ich im vergangenen Jahr gesehen habe, allerdings nicht im Kino, sondern zu Hause. Dort lag er schon etwas länger auf meiner Festplatte herum – aus gutem Grund, denn ich hatte vor einiger Zeit bereits die Doku Man on Wire gesehen und alles über Philippe Petits Drahtseilakt erfahren, was ich wissen wollte. Dennoch war ich neugierig, ob Robert Zemeckis nicht doch noch etwas Interessantes zum Thema zu sagen oder wenigstens einige nervenaufreibende Bilder zu bieten hatte.

The Walk

Der Franzose Philippe Petit (Joseph Gordon-Levitt) entdeckt in jungen Jahren seine Liebe zum Seiltanz, verlässt seine Familie und lässt sich von dem Zirkusartisten Papa Rudy (Ben Kingsley) in die Geheimnisse der Kunst einführen. Aber Petit will nicht in der Manage arbeiten, sondern noch höher hinaus: Sein Ehrgeiz treibt ihn zu spektakulären – und illegalen – Aktionen, zuerst spannt er sein Seil zwischen die Türme von Notre Dame, 1974 nimmt er dann die gerade fertig gestellten Twin Towers in New York ins Visier.

Er will doch nur spielen. Das könnte man über Petit sagen, der das Leben und die Kunst nicht besonders ernst nimmt und vor allem seinen Spaß haben will. Joseph Gordon-Levitt verkörpert den lebenslustigen Franzosen mit lausbübischem Charme und einem permanenten Augenzwinkern, das ihn selbst in brenzligen Situationen nicht verlässt. Man erfährt ansonsten nur wenig über den Mann auf dem Hochseil, der zudem auch als Jongleur auftritt, zuerst auf den Straßen von Paris, später in den Parks New Yorks. Was ihn, abgesehen von der persönlichen Herausforderung, antreibt, wird hingegen nicht so recht deutlich, was schade ist, denn hier hätte sich die Chance geboten, dieser einzigartigen Persönlichkeit einige faszinierende Facetten zu verleihen.

So erzählt der Film, beinahe wie ein Heist-Movie, in der ersten Hälfte vor allem von den Vorbereitungen des großen Coups. Die Aktion in Paris dient dabei noch als Aufhänger, dass Petit aber auch zwischen den Türmen einer Brücke in Sydney balanciert ist, wird ausgespart, wodurch sein Vorhaben in New York noch aberwitziger wirkt. Man sieht, wie er sich auf den großen Tag vorbereitet, welche Schwierigkeiten auf ihn zukommen, wie er die Sicherheitsvorkehrungen umgeht und – am wichtigsten – wie er seine Mitstreiter findet. Das alles wird recht routiniert, allerdings nicht sonderlich unterhaltsam erzählt.

Zemeckis läuft erst zur Höchstform auf, wenn Petit aufs Seil geht. Dann verliert der Film buchstäblich seine Bodenhaftung und beginnt zu schweben – und als Zuschauer bekommt man weiche Knie. Vor allem wenn man, wie ich, etwas unter Höhenangst leidet. Diese knapp dreißig Minuten sind mit Abstand das Beste, was The Walk zu bieten hat, und sie entschädigen auch für die vielen Längen, die er bis zu diesem Moment hatte.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...