Auslöschung

Netflix ist immer noch auf Expansionskurs. Und sie geben nicht nur ein Heidengeld für Eigenproduktionen aus, sondern kaufen auch die Rechte an anderen Filmen ein. Der Kauf von The Cloverfield Paradox war einer dieser Deals, über die man kürzlich in der Fachpresse lesen konnte, Auslöschung ist der zweite. Im Januar wurde der Film noch vom Verleih vorgestellt, aber statt in die Kinos zu kommen landet er gleich auf Netflix.

Über die Gründe kann man nur spekulieren. Der Film ist gut besetzt, hat einen gelungenen Trailer, der mit betörenden Bildern besticht, und sieht auf den ersten Blick nicht so aus, als bliebe er unter den Erwartungen. Solide Mittelware, würde ich sagen. Auf der anderen Seite gibt es heute so viele Filme im Kino, die vor zwanzig Jahren nur auf DVD erschienen wären, dass nicht alle finanziell erfolgreich sein können. Wenn man dann auch noch die Marketingkosten berücksichtigt und ein angeblich schlechtes Test-Screening, bei dem vor allem das Ende als „zu intellektuell“ bewertet wurde, kann man verstehen, dass die Produzenten sich auf das Angebot eingelassen haben. Für The Cloverfield Paradox soll Netflix angeblich rund 50 Millionen Dollar gezahlt haben, vielleicht sind für Auslöschung ähnliche Summen geflossen.

Die Frage ist nur, ob sich das für Netflix rechnet, aber über die Zuschauerzahlen schweigt sich der Konzern bekanntlich aus. Eine andere Frage ist, wie sich das langfristig fürs Kino auswirkt, wenn immer mehr von der ohnehin raren Mittelware verschwindet. Wird es in Zukunft nur noch die überteuren Tentpole-Produktionen und Festivalfilme für die award season geben? Wir werden sehen.

Aber wie war denn nun eigentlich Auslöschung? So als Film? Ich habe ihn mir angesehen.

Auslöschung

Ein Jahr, nachdem ihr Mann Kane (Oscar Isaac) zu einer streng geheimen Militäroperation aufgebrochen ist, kehrt er traumatisiert und wie ausgewechselt zu Lena (Natalie Portman) zurück. Doch schon nach kurzer Zeit fällt er in ein lebensbedrohliches Koma. Das Militär bringt ihn und Lena in eine Operationsbasis, in der die Biologin erfährt, dass sich ein unbekanntes Gebilde über ein abgelegenes Küstengebiet gelegt hat, das man aufgrund seiner äußeren Erscheinung als „Schimmer“ bezeichnet. Messgeräte versagen, und von allen Expeditionen ist lediglich Kane zurückgekehrt. Um mehr über seinen rätselhaften Zustand herauszufinden, erklärt sich Lena bereit, zusammen mit Dr. Ventress (Jennifer Jason Leigh) und zwei weiteren weiblichen Teilnehmern in den Schimmer zu gehen …

Das Drehbuch stammt aus der Feder des versierten Autors Alex Garland (nach dem Roman von Jeff VanderMeer), der mit dem überaus faszinierenden Ex Machina sein Regiedebüt gegeben hat und auch hier inszeniert. Es scheint, dass er nicht nur ein Faible für Science-Fiction-Filme hat, sondern auch ein Händchen für eine ungewöhnliche Bildsprache. Der Look des Films ist eigenständig und auf gewisse Weise verspielt – und eindeutig das Beste am gesamten Film. Vor allem gegen Ende erinnert er an das Finale von 2001 – Odyssee im Weltall, ohne sich dabei jedoch im Symbolismus zu verlieren wie sein Vorbild.

Das größte Manko des Films ist sein geringes Tempo. Bis Lena und ihre Mitstreiterinnen endlich im Schimmer angekommen sind, vergeht eine ganze Weile, und auch die vielen Rückblenden in die Zeit vor Kanes Aufbruch tragen nicht unbedingt dazu bei, dass die Story vorankommt. Zum Ausgleich gibt es wunderschöne Bilder zu bestaunen und auch den einen oder anderen Schreckensmoment, der bisweilen sogar in Ekel umschlägt.

Dass man trotz allem nicht vollständig das Interesse verliert, liegt an der Rätselspannung der Story: Zusammen mit Lena kommt man nach und nach den Mechanismen des Schimmers auf die Spur und fragt sich, was dahinterstecken könnte. Und wenn man schon nicht mehr damit rechnet, dass es eine eindeutige Antwort geben könnte, wird diese ganz am Ende nachgereicht. Auch darüber kann man streiten, denn vielleicht wäre es besser gewesen, alles etwas rätselhafter zu belassen.

Alles in allem ein Film, der vor allem von seinen Schauwerten lebt und den man ansonsten vermutlich relativ schnell wieder vergessen haben wird.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...