I, Tonya

Am Wochenende habe ich noch einen Film aus 2018 nachgeholt. I, Tonya gehörte mit drei Nominierungen zu den Oscarkandidaten des vergangenen Jahres, wobei letzten Endes nur Allison Janney die Trophäe als beste Nebendarstellerin mit nach Hause nehmen durfte. Eine gute Wahl, denn sie spielt ihre Rolle der Mutter mit so beiläufiger Bösartigkeit und emotionaler Kälte, dass man als Zuschauer sofort von ihr fasziniert ist. Aber wie ist der Rest des Films?

I, Tonya

Tonya Harding (Margot Robbie) war schon als Kind ein außergewöhnliches Eislauftalent, das bereits mit vier Jahren ihren ersten Wettbewerb gewann und später als Erwachsene als einzige die schwierigsten Figuren laufen konnte. Doch Tonya stammt aus einem zerrütteten Elternhaus und gehört zum „white trash“, jenem Prekariat, auf das der Rest der (weißen) Gesellschaft verächtlich herabblickt. Weil sie sich keine hübschen Kostüme leisten kann, flucht wie ein Kutscher und mitunter rüpelhafte Manieren an den Tag legt, bekommt sie trotz meisterhafter Kür schlechtere Bewertungen als ihre Konkurrentinnen – die Jury will einfach nicht, dass eine wie sie Amerika in Wettkämpfen repräsentiert. Dennoch gelingt es Tonya, sich für Olympia zu qualifizieren, hat aber in Nancy Kerrigan (Caitlin Carver) eine starke Rivalin. Da kommen Tonyas Ehemann Jeff (Sebastian Stan) und ihr selbsternannter Bodyguard Shawn (Paul Walter Hauser) auf die Idee, Nancy einzuschüchtern …

Wer sich an die Neunziger erinnern kann, weiß natürlich, wie die Geschichte weitergeht: Jeff bezahlt einen Freund von Shawn, woraufhin dieser Kerrigans Knie verletzt, so dass Tonya amerikanische Eiskunstlaufmeisterin wird. Die Öffentlichkeit machte vor allem Tonya für den Angriff verantwortlich, obwohl sie selbst beteuerte, nichts davon gewusst zu haben. Inzwischen hat sie das zurückgenommen und zugegeben, dass sie tatsächlich etwas wusste, aber nicht die Details kannte. Ihre Verurteilung wegen Behinderung der Justiz erscheint also rechtens, auch wenn ein Teil der Strafe – eine lebenslängliche Wettbewerbssperre – etwas zu hart ausfällt.

Der Film basiert auf einer Reihe von Interviews, die Tonya, ihre Mutter, Jeff und Shawn gegeben haben und die teilweise nachgespielt werden. Immer wieder unterbrechen sie die Handlung, um diese zu kommentieren und um Widersprüche in der Story aufzuzeigen, denen Regisseur Craig Gillespie wiederum seine Inszenierung entgegensetzt. So entsteht ein faszinierendes Spiel mit der Wahrheit, die so viele Facetten hat, dass man sie kaum noch erkennen kann. Wem kann man trauen? Wer erzählt tatsächlich die Wahrheit, und wer lügt, um in einem besseren Licht dazustehen? Und in letzter Konsequenz: Darf man der Regie trauen? Sind die Bilder nicht vielleicht auch nur eine Interpretation der Ereignisse oder sogar handfeste Unwahrheiten?

Diese Ungewissheit sorgt für eine gewisse Grundspannung, hat aber auch den Nachteil, dass der Handlungsfluss immer wieder unterbrochen wird. Es fällt schwer, sich auf die Figuren einzulassen, die den Zuschauer ständig mit ihren direkt an ihn gerichteten Kommentaren auf ihre Seite ziehen wollen und darüber hinaus herzlich unsympathisch sind.

Gillespie und seinem Autor Steven Rogers gelingt aber auch ein überaus faszinierendes Porträt einer jungen Frau, die mit einem großen Talent gesegnet ist, es aber nie schafft, über sich selbst oder ihre Herkunft hinauszuwachsen. Tonya beschwert sich einmal darüber, dass man ihr ihre Armut, ihre mangelnde Bildung und ihr schlechtes Benehmen vorwirft, denn all das sei ja nicht ihre Schuld. Das ist richtig, und man kann das Kind und den Teenager Tonya durchaus bemitleiden, aber irgendwann hat sie für sich entschieden, ihr schlechtes Benehmen als Teil ihrer selbst zu akzeptieren, sie hat nie den Versuch gemacht, sich zu bessern. Sicher, Veränderungen sind schwer, umso mehr, da ihr Umfeld sie ständig bedrängt, manipuliert und missbraucht. Authentisch zu sein, sogar rebellisch, sich mit eigenwilligen Choreografien und ungewöhnlicher Musik von der Konkurrenz abzusetzen, ist das eine, ungehobeltes Benehmen, Grobheit und ein Hang zur Gewalttätigkeit ist etwas anderes.

Der Einfluss der Gewalt in Tonyas Leben ist unübersehbar. Ihre Mutter schlägt, schubst und demütigt sie unentwegt, im Glauben, dass ihre Tochter nur dann großartig sein kann, wenn sie erniedrigt wird. Als sie sie eines Tages mit einem Messer verletzt, zieht Tonya die Reißleine – und flüchtet sich in die Ehe mit dem gewalttätigen Jeff, der sie ständig verprügelt. Anstatt sich auch aus diesem Umfeld zu befreien, schlägt Tonya zurück. Sie ist ein wenig wie ein Hund, der immerzu geprügelt wird, bis er am Ende jeden beißt, der ihm zu nahe kommt.

I, Tonya ist aber auch ein Gesellschaftsporträt, das die hässliche Seite Amerikas zeigt, für die das Land sich selbst schämt. Gerade die glitzernde Welt des Eiskunstlaufs mit ihrer ausgestellten Fröhlichkeit und Eleganz will nicht, dass jemand hinter ihre Fassade blickt, weshalb sie eine Tonya instinktiv ablehnt. Das hat in letzter Konsequenz beinahe etwas Tragisches.

Dass der Film sich allein auf Tonya konzentriert und so gut wie gar nicht die Öffentlichkeit, die Eiskunstlauf-Juroren oder gar Nancy Kerrigan zu Wort kommen lässt, schafft darüber hinaus eine Parteilichkeit, der man beim Zuschauen mehr und mehr skeptisch gegenübersteht. Ein wenig fühlt es sich an, als würde man von der Welt der Tonya Harding in Geiselhaft genommen.

Im letzten Drittel vollzieht sich dann auch noch ein tonaler Bruch, wenn der Film nach etlichen Längen und zu vielen Wiederholungen des Immergleichen endlich auf den eigentlichen Skandal zu sprechen kommt und sich das Gezeigte in eine Farce verwandelt.Denn sowohl Shawn als auch sein Helfershelfer sind die dümmsten Verbrecher, die man sich vorstellen kann, weshalb das FBI auch gar nicht groß ermitteln muss. Wenn Shawn dann vor der Kamera fabuliert, dass er für internationale Geheimdienste arbeitet, mutet das nur lächerlich an – und erinnert gleichzeitig an unsere postfaktische Gesellschaft in der Trump-Ägide. Womit sich der Kreis zur Gegenwart schließt.

I, Tonya ist wie seine Hauptfigur ein Film, der es dem Zuschauer nicht leicht macht und nicht leicht machen will. Man muss sich darauf einlassen, auf die unsympathischen Figuren, die Längen, die Uneindeutigkeit des Gezeigten. Belohnt wird man mit einigen unvergesslichen Szenen und einem faszinierenden Einblick in eine bizarre Welt.

Note: 3

Das war der einzige reguläre Beitrag für diese Woche. Nach einer kurzen Pause morgen geht es – hoffentlich – am Mittwoch weiter mit meinem Bericht von der Münchner Filmwoche 2019.

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...