Watchmen (Serie)

Der Corona-bedingte Lockdown hat verhindert, dass ich die Serie früher sehen konnte, aber seit man sich wieder gegenseitig besuchen darf, konnte ich endlich nachholen, was Anfang des Jahres als Sensation gefeiert wurde. Mit dem gleichnamigen Film von 2009 hat die Serie jedoch nur zum Teil etwas zu tun, mit den Comics sogar noch weniger, wobei wenigstens einige Figuren daraus wieder auftauchen und zwei oder drei von ihnen sogar größere Rollen spielen. Die Serie ist eine eigenständige Geschichte, die so noch in keiner Vorlage erzählt wurde, allerdings im selben Universum spielt wie Comics und Film.

2019 ist Robert Redford seit Jahrzehnten Präsident dieser alternativen Version der USA, zu dem Vietnam als 51. Staat gehört, seit Dr. Manhattan seinerzeit den Krieg beendete. Die Zeit der Vigilanten ist nach wie vor vorbei, dafür verhüllen nun auch Polizisten ihre Gesichter, nachdem viele mitsamt ihren Familien von einer Terrororganisation namens „Die siebte Kavallerie“ ermordet worden sind. Und auch Verbrecher tragen Masken, die an jene von Rohrschach erinnern.

Angela Abar (Regina King) ist eine Vigilantin, die für die Polizei in Tulsa, Oklahoma arbeitet und sich Sister Night nennt. Als eines Tages ihr Mentor (Don Johnson) ermordet wird, stößt sie auf ein Geheimnis, das weit in die Vergangenheit zurückreicht – und ihre eigene Familie betrifft.

Vor wenigen Tagen jährte sich zum 99. Mal der Jahrestag des Massakers von Tulsa, in dem bis zu 250 (nach anderen Quellen sogar 300) Menschen ums Leben kamen, die meisten davon Afroamerikaner, die einem weißen Lynchmob zum Opfer fielen. In den letzten Tagen wurde anlässlich der Trump-Wahlkampfveranstaltung immer wieder darüber berichtet.

Mit diesem Ereignis beginnt auch die Serie, erzählt aus der Sicht eines kleinen Jungen namens Will, der sich zu Beginn des Mordens zusammen mit seiner Mutter in einem Kino befindet und sich eine Geschichte über einen schwarzen Vigilanten ansieht, der maskiert für Gerechtigkeit sorgt. Dieser schwarze Marshal von Oklahoma wird später, wenn er selbst zum ersten Vigilanten, Hooded Justice, wird, zu seinem Vorbild und Idol. Noch später gibt Will (Louis Gossett jr.) sich Angela als ihr verschollener Großvater zu erkennen und macht sie mit ihrer eigenen Familiengeschichte vertraut.

Geschickt werden in der Serie reale Ereignisse wie der Tulsa Race Riot mit fiktiven Elementen und Biografien verwoben. Der thematische Schwerpunkt liegt dabei auf dem ganz alltäglichen und zum Teil auch institutionalisierten Rassismus, der die Serie im Augenblick aktueller macht als je zuvor. So spielt eine Episode nahezu vollständig in der Vergangenheit und erzählt nicht nur von Wills Leben als farbiger Polizist in New York, sondern auch von den Vorläufern der „Siebten Kavallerie“, die noch gekleidet waren wie der KKK, und vor allem von der Notwendigkeit, den Unterdrückten zur Hilfe zu eilen und dabei sein eigenes Gesicht zu verhüllen.

Comics sind ein uramerikanisches Medium, in dem die nicht weniger uramerikanische Angst vor einer verbrecherischen Obrigkeit tief verwurzelt ist. Wenn man dem Staat und seinen Repräsentanten nicht trauen kann, muss man sich eben auf seine eigenen Kräfte verlassen und für seine eigene Gerechtigkeit sorgen. In der Serie spielt es kaum eine Rolle, aber man fragt sich durchaus, was aus der Demokratie geworden sein mag, wenn Redford schon so lange im Weißen Haus regiert. Sehr klar werden in diesem Zusammenhang immerhin die Motive der „Siebten Kavallerie“ herausgestellt, deren Anführer die Bemühungen der Regierung, sich bei den unterdrückten Minderheiten zu entschuldigen und frühere Verfehlungen wieder gutzumachen, mit Abscheu betrachtet: Es sei nahezu unmöglich, als weißer Mann in Amerika zu leben. Aus dieser Figur sprechen all die Trumpisten, die dieser Tage das reale Amerika heimsuchen. Watchmen ist also eine direkte Antwort auf aktuelle gesellschaftliche Verhältnisse.

Nicht alles in der Serie ist jedoch so hochpolitisch. Ein Handlungsstrang – und der bizarrste noch dazu – handelt von Adrian Veidts (Jeremy Irons) Bemühungen, seinem Exil zu entkommen, das einem englischen Landsitz gleicht und von gefälligen Klon-Minions (Tom Mison und Sara Vickers) bevölkert wird. Durch diese und andere Figuren, wie Dr. Manhattan, knüpft die Serie immerhin an die Comics und den Kinofilm an und bedient damit auch den Hunger der Fans.

Alles in allem ist Serie ist gut gemacht und gut erzählt, stellenweise spannend, mitunter auch komisch. Wie schon in den Comics bzw. deren Kino-Adaption ist jedoch weniger die Geschichte an sich interessant, sondern das Setting. Gerade die Auflösung ist – meiner Meinung nach – etwas enttäuschend, weil sie sich wieder an jenen Welteroberungs- und Weltunterwerfungsplänen orientiert, wie man sie von einschlägigen Comic-Bösewichtern kennt.

Wer den gleichnamigen Film mochte und mehr über das schräge Universum wissen will, in dem die Geschichte spielt, muss die Serie anschauen. Aber auch für alle anderen: Es lohnt sich.

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...