Knives Out

Vergangene Woche durften auch hier in Bayern wieder die Kinos eröffnen, was zwar nicht alle, aber zumindest einige getan haben. Wie Süchtige auf Entzug sind Mark G. und ich daher gleich am Donnerstag, als ein hiesiges Multiplex wieder seine Tore öffnete, losmarschiert, um uns Knives Out anzusehen, den wir vor dem Lockdown verpasst hatten. Es war leer im riesigen Foyer, noch leerer als früher, da alle Couchen und Tische entfernt worden waren, Absperrbänder sorgen dafür, dass ein- und ausgehende Besucher sich nicht begegnen, und Aufkleber am Boden vor der Theke mahnen zum Abstand. Am Einlass steht nun eine Plexiglasbox, wo die Karten kontrolliert werden und wo man ein zuvor ausgefülltes Formular mit Namen und Telefonnummer abgeben muss. Kino in Zeiten von Corona.

Aber sonst war alles wie immer. Man soll zwar auch im Saal eine Maske tragen, aber da man sie beim Essen und Trinken absetzen darf, war das eine willkommene Ausrede, um Nachos zu kaufen. Wirklich voll war es nicht, gut für uns, schlecht für den Betreiber, und als die ersten Trailer über die Leinwand flimmerten, stellten sich zwei Gefühle ein: das lang vermisste Kinogefühl, diese vertraute Melange aus neugieriger Erwartung und heimeliger Vertrautheit, gemischt mit einem überraschenden Hauch von Rührung, sowie ein Déjà-vu. Bei der Sichtung der Trailer von Wonder Woman 1984 oder James Bond 007: Keine Zeit zu sterben hatte man nämlich das seltsame Gefühl, in eine Zeitmaschine gestiegen und sechs Monate in die Vergangenheit gereist zu sein …

Knives Out

Der erfolgreiche Schriftsteller Harlan Thrombey (Christopher Plummer) hat sich ermordet, doch eine Woche nach seinem Selbstmord taucht die Polizei auf dem feudalen Landsitz der Familie auf, um noch einige Fragen zu klären. Sie wird begleitet von Benoit Blanc (Daniel Craig), einem bekannten Detektiv, der von einem Unbekannten angeheuert wurde, um zu untersuchen, ob Harlan nicht möglicherweise ermordet wurde …

Ein mysteriöser Todesfall in einem Landhaus, ein Tweed tragender Detektiv und jede Menge Verdächtige: aus diesen Versatzstücken bestehen etliche von Agatha Christies Romane, und da sie allesamt verfilmt wurden, kennt man sie zur Genüge. Es ist schwer, diesem Sujet noch neues Leben einzuhauchen, aber Autor und Regisseur Rian Johnson gelingt dieses Kunststück, indem er sein Skript mit reichlich Humor würzt – und bereits relativ früh verrät, wie Harlan tatsächlich ums Leben gekommen ist.

Natürlich werde ich hier so wenig wie möglich verraten, um das Vergnügen nicht zu trüben, was es allerdings schwer macht, angemessen über den Film zu sprechen. Die Spannung der Geschichte entspringt also weniger der Suche nach dem Täter, sondern resultiert aus der Sympathie, die man für den Verantwortlichen für Harlans Tod empfindet, und der Hoffnung, er möge unbescholten davonkommen. Das ist ungewöhnlich, funktioniert aber gut.

Darüber hinaus ist der Film exzellent besetzt: Zur Familie gehören Jamie Lee Curtis, Don Johnson, Toni Collette, Michael Shannon, Chris Evans und Katherine Langford, und sie alle absolvieren einen kleinen, aber feinen Auftritt. Ihnen beim Streiten ums Erbe zuzusehen, ist ein Vergnügen, und hier sind dem Autor Rian Johnson einige hübsche, unterhaltsame Miniaturen geglückt. Herz des Films ist aber Marta, die Pflegerin und Vertraute Harlans, die toll von Ana de Armas gespielt wird. Sehr schön ist auch der Einfall, ihr eine Art „Krankheit“ zu geben, die es ihr unmöglich macht zu lügen – ein toller Kniff in einem Spiel der Lügner.

Die Story beginnt zwar als Kammerspiel, öffnet sich aber im zweiten Teil und nimmt dann auch einige unerwartete Wendungen. Obwohl man glaubt, alles zu wissen, gibt es noch ein oder zwei Überraschungen, bevor am Ende der Schuldige benannt wird und alle bekommen, was sie verdienen. Die Auflösung hat für mich zwar nur bedingt funktioniert (was am unglaubwürdigen Verhalten Harlans liegt), aber das schmälert das Vergnügen nur minimal.

Nach langer Abstinenz endlich wieder ein (zumindest für mich) frischer, neuer Film auf der großen Leinwand. Und dann noch ein rundherum vergnüglicher. Was will man mehr?

Note: 2-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...