Cold War – Der Breitengrad der Liebe

Normalerweise wähle ich die Filme, die ich anschaue, nach ihren Geschichten aus. Gefällt mir die Grundidee, bin ich dabei. Bin ich nicht ganz so überzeugt, braucht es schon einen Schauspieler oder eine Schauspielerin, die ich mag, um dem Film eine Chance zu geben. Ansonsten versuche ich, möglichst viele Produktionen zu sehen, die entweder sehr erfolgreich an den Kassen waren oder auf Festivals für Furore gesorgt haben. Dieser Film fällt in die letztere Kategorie, wurde er doch als bester Europäischer Film ausgezeichnet, bekam in Cannes die Palme für die beste Regie und war auch für den Oscar nominiert.

Cold War – Der Breitengrad der Liebe

1949 reisen Wiktor (Tomasz Kot), Irena (Agata Kulesza) und der Parteifunktionär Kaczmarek (Borys Szyc) durch Polen, um alte Volkslieder und Tänze aufzunehmen und zu sammeln. Die drei gründen im Auftrag der Regierung eine Folklore-Gruppe, die im In- und Ausland auftritt und nach einigen Jahren Berühmtheit erlangt. Zu den Künstlern gehört auch Zula (Johanna Kulig), die schließlich mit Wiktor eine Liebesbeziehung beginnt, ihn gleichzeitig aber für Kaczmarek ausspioniert. Als die Gruppe einen Auftritt in Berlin hat, beschließt Wiktor, in den Westen überzulaufen, doch Zula will Polen nicht verlassen …

Es gibt Filme, die man liebt, und solche, die man achtet. Cold War gehört zu Letzteren. Es gibt vieles, was man an ihm großartig finden kann: beispielsweise seine bestechend schönen Bilder in kontrastreichem, sattem Schwarz-Weiß, die in ihrem fast quadratischen Format authentisch und auf angenehme Weise altmodisch wirken.

Die beiden Hauptdarsteller überzeugen als gegensätzliche Charaktere jeder auf seine Weise. Wiktor ist ein kultivierter Schöngeist, eher rational als leidenschaftlich, während in Zula ein Vulkan zu brodeln scheint. Sie stammt aus einem einfachen Milieu und hat als junge Frau auf ihren Vater eingestochen, als dieser sie missbrauchen wollte. Beide Figuren wirken ungeheuer lebendig und spiegeln in ihrer Zerrissenheit den West-Ost-Konflikt der Fünfziger- und Sechzigerjahre wider, in denen der Film spielt.

Auch der Einsatz der Musik ist faszinierend. Ein Volkslied (Zwei Herzen, vier Augen) kehrt immer wieder und wandelt sich dabei von der bäuerlichen Weise zum sozialistischen Paradestück hin zum Jazz-Song auf Französisch. Es steht dabei sinnbildlich für die musikalische Entwicklung von Wiktor und Zula und die Stationen ihrer Reise.

Nicht zuletzt überzeugt auch die Regie von Pawel Pawlikowski, der mit dem Film seinen Eltern und ihrer schwierigen On-Off-Beziehung ein Denkmal setzen wollte. Die Art und Weise wie er sowohl den Ostblock als auch den Westen Szene setzt, ist sehr stimmig und einfach schön anzusehen.

Ja, vieles an dem Film ist bewundernswert, klug durchdacht und gelungen – nur will sich beim Zuschauen keine Leidenschaft einstellen. Vielleicht liegt es daran, dass auch das Liebespaar alles andere als leidenschaftlich wirkt. Sehr schön geschrieben ist beispielsweise die Szene, in der sie sich verlieben, in der Wiktor Zula mit seiner Musik verführt – nur springt der Funke beim Zuschauer (zumindest bei mir) einfach nicht über. Die Funktion der Szene ist verständlich, ihr Aufbau kunstvoll, aber die Emotionen der Figuren werden nicht spürbar. Warum hängen die beiden so aneinander, wenn sie doch so schlecht zueinander passen? Warum kommen sie selbst nach Jahren der Trennung nicht voneinander los, sondern machen sich selbst unglücklich, nur um beim anderen zu sein? Warum wirken sie nicht eine einzige Szene lang glücklich oder verliebt? Es gibt solche Paare, die nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander können, keine Frage, nur braucht man als Zuschauer wenigstens einen emotionalen Zugang zu ihnen.

Da der Film einzig und allein von dieser Beziehung handelt, ist der Mangel an Erfahrbarkeit, an Nachvollziehbarkeit dieser Gefühle, ein nicht zu überwindendes Problem. Die Figuren wirken distanziert, sie bleiben einem fremd und letzten Endes gleichgültig. Dadurch entstehen Längen und schließlich Langeweile, so dass man das tragische Ende geradezu begrüßt anstatt es zu bedauern.

Ein Film, dessen Einzelteile man bewundern und gut finden kann, der in Gänze jedoch nicht überzeugt, weil die Liebe, von der er handelt, so kalt ist wie der Krieg.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...