Vergiftete Wahrheit

Mit den sprunghaft angestiegenen Infektionszahlen kommen auch neue Beschränkungen. Bei uns herrscht inzwischen sogar Maskenpflicht während der Kinovorstellung – außer beim Verzehr von Speisen und Getränken. Ich glaube, so langsam haben wir unsere Snacks noch nie gegessen …

Enervierend ist auch das Einbahnstraßensystem beim Ein- und Auslass. Natürlich ist diese Maßnahme höchst sinnvoll, wenn das Kino voll ist, aber wenn nur fünf Leute im Haus unterwegs sind, fühlt man sich schon ein bisschen wie die Rennmaus im Labyrinth. Vor allem wenn man die Servietten zu den Nachos vergessen hat und den ganzen Weg vom Saal wieder zur Theke zurücklegen muss. Kinobesuch und Workout in einem.

Und jetzt zum Film, den wir uns angesehen haben:

Vergiftete Wahrheit

Rob Bilott (Mark Ruffalo) ist gerade zum Partner einer großen Kanzlei in Ohio aufgestiegen, als ein Bekannter seiner Großmutter ihn um juristischen Beistand bittet: Wilbur Tennant (Bill Camp) will den Chemiekonzern DuPont verklagen, weil seine Kühe, die auf einem Grundstück neben einer Deponie der Firma grasen, krank werden und sterben. Da Robs Kanzlei selbst Chemiefirmen vertritt, kennt er den Chef von DuPont (Victor Garber) persönlich und hofft auf einen schnellen Vergleich, doch schon bald stellt er fest, dass die Firma mehr zu verbergen hat, als er dachte …

Filme wie diesen hat es früher häufiger gegeben, Filme über mutige Männer und Frauen, die sich mit mächtigen Konzernen anlegen und für Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfen: Silkwood, Erin Brokovich oder Der Regenmacher fallen mir da spontan ein, und Vergiftete Wahrheit passt in dieselbe Kategorie.

Der graue, verwaschene Look, den Todd Haynes und sein Kameramann Edward Lachman dem Film verpasst haben, passt gut zu der düsteren, bedrückten Stimmung und dem ländlichen Teil Amerikas, das seine besten Jahre schon lange hinter sich hat. Die gesamte Kleinstadt, in der Tennent lebt, ist von DuPont abhängig, was es für den Farmer nicht einfach macht, sein Recht einzuklagen.

Bilott ist eine reale Figur, ein unermüdlicher Streiter für die Opfer eines skrupellosen Konzerns, der weder seine Arbeiter angemessen bei der Produktion seiner Chemikalien schützt noch davor zurückschreckt, seine Industrieabfälle illegal zu entsorgen. Wobei es mit der Illegalität so eine Sache ist in Amerika: Die Umweltschutzbehörde geht nämlich zunächst von der Unbedenklichkeit eines Stoffes aus, bis das Gegenteil bewiesen ist. Im Endeffekt führt das dazu, dass die Unternehmen sich selbst regulieren und ihre eigenen Richtwerte festlegen dürfen. Und wenn sie selbst dagegen verstoßen, werden diese einfach mal schnell geändert.

Bilotts Kampf ist nahezu aussichtslos, aber er ist zäh und lässt sich nicht unterkriegen, auch wenn er viele Jahre seines Lebens dafür opfert (inzwischen mehr als zwanzig) und sogar das Glück seiner Familie oder seine Gesundheit riskiert. Ruffalo spielt diese Rolle ausgezeichnet, man leidet im Verlauf mit ihm mit, kann seine Frustration gut nachvollziehen und verstehen, warum er langsam sogar paranoid wird.

Im Kern geht es aber nicht nur darum, dass ein Konzern die Menschen im Umfeld seiner Produktionsstätte vergiftet, sondern um einen Stoff, der weltweit zum Einsatz kommt: Teflon. Wie gefährlich er ist, zeigt sich in der Untersuchung, die Bilott angestoßen hat: Am Ende des Films heißt es, dass Teflon vermutlich im Blut von 99 Prozent aller Menschen anzufinden ist. Da sieht man seine Pfannen plötzlich mit anderen Augen an …

Erstaunlicherweise bleibt die ganz große Empörung aber aus. Vielleicht liegt das daran, dass man bereits so viele Filme über raffgierige und skrupellose Konzerne gesehen und von so vielen Skandalen gehört hat, dass man abgestumpft ist. Zumal die Firmen nie hart genug bestraft werden und lediglich einen winzigen Bruchteil ihrer Gewinne zur Schadensregulierung aufwenden müssen, bis dahin aber jeden Prozess um Jahre, manchmal Jahrzehnte hinauszögern, bis ihre Gegner zermürbt sind und aufgeben. Nicht umsonst gibt es jede Menge Dystopien, die davon handeln, dass die Welt von Konzernen regiert wird.

Ein weiterer Grund, warum einen der Film nicht richtig packt, ist seine Konzentration auf Bilott. Der Anwalt mag ein wackerer, aufrechter Held sein, der das Richtige tut, aber leider sind seine Handlungen nicht sonderlich spannend, sondern bestehen in erster Linie in Aktenstudium und Diskussionen mit Experten, Zeugen und seinem Vorgesetzten (Tim Robbins). Spannend ist das alles leider nicht. Außerdem geraten dadurch die eigentlichen Opfer DuPonts zunehmend ins Hintertreffen, und um sie sollte es doch in erster Linie gehen.

Ein wichtiger, informativer Film, allerdings mit deutlichen Schwächen in der Art der Umsetzung.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...