The Trial of the Chicago 7

Heute in einer Woche wird in den USA gewählt, und ich glaube, die meisten von uns sind froh, wenn das Wahlkampfgetöse endlich verstummt. Noch glücklicher werden wir wohl sein, wenn die Trump-Ära endet, aber darauf haben wir Mitteleuropäer leider keinen Einfluss.

Vor dem Trumpeltier galt die Nixon-Regierung als die skandalträchtigste, was vor allem an der Watergate-Affäre lag. Für Trump wäre Watergate nur ein ganz normaler Dienstag, aber damals wurde das Herz der amerikanischen Demokratie erschüttert, dabei wurde der Beginn der republikanischen Präsidentschaft bereits von einem anderen, bei uns weniger bekannten Skandal überschattet, der seine Wurzeln im turbulenten Jahr 1968 hat …

The Trial of the Chicago 7

Nach der Ermordung von Martin Luther King und Robert Kennedy ist die politische Linke in Aufruhr. Gleichzeitig werden immer mehr junge Männer zum Kriegsdienst in Vietnam eingezogen, und die Zahlen der Gefallenen steigen rapide. Als der demokratische Parteikongress in Chicago zusammentritt, um einen Präsidentschaftskandidaten zu küren, rufen daher verschiedenen linke Gruppierungen zu Großdemonstrationen auf. Der Bürgermeister reagiert mit größtmöglicher Härte und lässt die Nationalgarde antreten. In der Folge kommt es zu Straßenschlachten mit vielen Verletzten.

Monate später zieht Nixon ins Weiße Haus ein, und John Mitchell (John Doman) übernimmt das Justizministerium. Weil sein Vorgänger (Michael Keaton) ihm angeblich nicht den nötigen Respekt erwiesen hat und Nixon seine Law-and-Order-Politik durchsetzen möchte, revidiert Mitchell eine Einschätzung seines Ministeriums und will die sieben Anführer verschiedener Organisationen, die zum friedlichen Protest aufgerufen haben, vor Gericht bringen. Grundlage dafür ist ein Gesetz, das die Südstaaten Jahre zuvor initiiert hatten, um schwarze Bürgerrechtler einzuschüchtern, und das noch nie zur Anwendung gekommen ist. Die Anklage übernimmt der junge Bundesanwalt Schultz (Joseph Gordon-Levitt), der selbst nicht davon überzeugt ist, dass diese Hand und Fuß hat.

Die sieben Angeklagten sind höchst unterschiedlich: Tom Hayden (Eddie Redmayne), Rennie Davies (Alex Sharp) sowie der deutlich ältere David Dellinger (John Carroll Lynch) gehören eher den gemäßigten Linken an, während Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen) und Jerry Rubin (Jeremy Strong) zu den Hippies zu zählen sind, die politischen Protest mit Klamauk verbinden und das Establishment mit gewagten Aktionen provozieren. Von Anfang an ist klar, dass die beiden weiteren Angeklagten (gespielt von Danny Flaherty und Noah Robbins) nur deshalb neben ihnen sitzen, weil man sie später freisprechen will, um dafür die anderen umso härter zu bestrafen. Es ist nicht das einzige taktische Manöver der Gegenseite, die vor keinerlei Schikane zurückschreckt, Jurymitglieder beeinflusst und die Angeklagten abhören lässt. Auch wenn dies in Amerika eigentlich nicht möglich sein sollte, ist es ein durch und durch politischer Prozess.

Zu den sieben Angeklagten gesellt sich anfangs noch ein achter: Der Black Panther-Aktivist Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II), an dem die Justiz ein Exempel statuieren will. Er soll die Gefährlichkeit der Angeklagten verdeutlichen und wird vor allem vom rassistischen Richter Hoffman (Frank Langella) hart angegangen.

Man sieht allein an dieser Zusammenfassung bereits, dass die Geschichte äußerst komplex ist. Gleich zu Beginn des Films werden so viele unterschiedliche Figuren eingeführt, dass man gut aufpassen sollte, um sie später noch auseinanderhalten zu können. Aber keine Angst, man durchschaut recht bald, wer die Guten und wer die Bösen sind.

Der Film, von Aaron Sorkin bereits 2007 geschrieben und nun inszeniert, ist ein klassisches Gerichtsdrama, wie man es heute kaum noch zu Gesicht bekommt. Die meiste Zeit spielt die Handlung im Gerichtssaal, blendet aber immer wieder zu den Ereignissen zurück, die zur Anklage geführt haben. Die Szenen aus Chicago, die durch Archivmaterial ergänzt werden, sind vielleicht dynamischer als jene von der Verhandlung, letztere sind jedoch wesentlich spannender und emotionaler.

Vor allem das Verhalten des voreingenommenen Richters ist kaum zu ertragen und endet mit einem Eklat. Dem gegenüber stehen die subversiven und frechen Kommentare von Abbie und Jerry, die keine Gelegenheit auslassen, den Richter vorzuführen. Gerade zu Beginn ist die hohe Anzahl an witzigen Szenen überraschend.

Die Geschichte ist aus heutiger Sicht für ein heutiges Publikum geschrieben worden und spielt mit den teilweise erstaunlichen Parallelen zwischen unserer Zeit und den Nixon-Jahren. Zumindest stellenweise ist es beängstigend, aber auch beruhigend, weil am Ende die demokratische Ordnung den Sieg davonträgt, auch wenn es zwischendurch ziemlich düster aussieht. Es besteht also noch Hoffnung für das Land.

Ich könnte noch viel über den Film schreiben, aber ich möchte mich kurz fassen: The Trial of the Chicago 7 ist der spannendste, emotional bewegendste und lustigste Film, den ich seit sehr langer Zeit gesehen habe. Und der beste dieses Jahres. Es ist schade, dass man ihn nicht im Kino sehen kann, sondern nur bei Netflix, aber ich kann ihn uneingeschränkt empfehlen.

Note: 1

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...