Capernaum – Stadt der Hoffnung

In letzter Zeit habe ich hier vermehrt über eher leichte Kost geschrieben, widmen wir uns nun mal etwas Ernsthafterem. Zugleich geht es heute um einen Film aus der Rubrik „ansehen, bevor er verschwindet“, denn obwohl sich der Film rund zwei Jahre lang auf meiner Watchlist befand, habe ich ihn erst wenige Tage vor seinem Verschwinden aus dem Prime Video-Angebot gesehen. Inzwischen habe ich aber festgestellt, dass viele dieser Filme relativ häufig entweder ins Programm zurückkehren oder stattdessen bei Netflix auftauchen. Vielleicht ist er also bald wieder da.

Capernaum – Stadt der Hoffnung

Der zwölfjährige Zain (Zain Al Rafeea) steht erneut vor Gericht: Vor wenigen Wochen wurde er wegen versuchten Mordes verurteilt, nun klagt er selbst seine Eltern an – weil sie ihn in diese Welt gesetzt haben und somit Schuld an seiner Misere sind.

Zain, seine Eltern und seine acht jüngeren Geschwister leben in ärmlichsten Verhältnissen in Beirut. Keines der Kinder darf zur Schule gehen, stattdessen sind sie gezwungen, zum Lebensunterhalt durch Gelegenheitsarbeiten beizutragen. Als Zain erfährt, dass ihr Vermieter die Familie unter Druck setzt, um die elfjährige Sahar (Cedra Izzam) zu heiraten, will der Junge mit seiner Schwester weglaufen. Doch der Plan wird vereitelt, und Zain geht alleine fort. Er landet schließlich bei Rahil (Yordanos Shiferaw), einer Äthiopierin, die ihren Status als Arbeitsmigrantin verloren hat, als sie ein Kind zur Welt brachte, und nun in der Illegalität lebt. Um neue Papiere zu bekommen, muss sie in kurzer Zeit einige Hundert Dollar auftreiben. Der Hehler Aspro (Alaa Chouchnieh) setzt sie dabei gnadenlos unter Druck und würde als „Bezahlung“ auch ihren kleinen Sohn akzeptieren. Als Rahil eines Tages verhaftet wird, bleiben Zain und das Kleinkind allein zurück …

Wieder einer dieser hochgelobten Festivalfilme (Großer Preis der Jury in Cannes 2018), die exzellente Kritiken und tolle imdB-Werte aufweisen, die anzuschauen aber immer mit einer gewissen Überwindung verbunden ist. Nicht so sehr, weil sie ein deprimierendes Bild von der Welt, in der wir leben, zeichnen, sondern weil ihre spröde, semi-dokumentarische Bildsprache auf Dauer anstrengend ist und einen emotionalen Zugang zur Geschichte erschwert. Filme für den Kopf, aber nichts fürs Herz. So jedenfalls mein Vorurteil.

Capernaum ist jedoch etwas anders, verfügt er doch über einen überaus charismatischen Hauptdarsteller, den die Regisseurin Nadine Labaki konsequent ins Zentrum rückt. Nur wenige Szenen kommen ohne den kleinen Zain aus, sondern sind Rahil gewidmet, deren Schicksal ebenfalls interessant und mitfühlend geschildert wird. Mir hat der Film insofern besser gefallen als beispielsweise Shoplifters, der mich weitgehend kalt gelassen hat, obwohl er ein ähnliches Thema behandelt hat.

Ein bisschen hadere ich dennoch mit dieser Art von Geschichten. Zum einen sind sie aufklärerisch und legen den Finger in gesellschaftliche Wunden, zum anderen würden reine Dokumentarfilme dies viel besser und umfassender tun. Man kann natürlich argumentieren, dass eine fiktionalisierte Form eher die Menschen anspricht, zumindest das intellektuelle Festivalpublikum. Um eine breitere Masse zu erreichen, wäre ein emotionalerer Ansatz sicher zielführender, etwa in der Art eines Charles Dickens, der jedoch aus der Sicht heutiger Kritiker dem Vorwurf des Sozialkitsches oder, wie im Fall von Capernaum geschehen, des kalkulierten „Armutspornos“ ausgesetzt wäre.

Es ist ein starker Film, keine Frage, und er erzählt einiges über den Libanon und die Lage der Flüchtlinge und (illegalen) Einwanderer. Vieles erfährt man aber erst, wenn man sich eingehender mit der Geschichte beschäftigt und sich in die Materie einliest, zum Beispiel warum Zain und seine Geschwister keine Geburtsurkunden haben und von Anfang chancenlos bleiben, oder warum Rahil durch den Verlust ihrer Arbeit in die Illegalität abgedrängt wird. Hier hätte man sich mehr Aufklärung gewünscht.

Der Regisseurin ist dennoch ein grundsolider, stellenweise bewegender Film gelungen, der zwar über die recht lange Laufzeit von zwei Stunden einige Längen entwickelt, aber immer wieder mit schönen Momentaufnahmen überrascht und nicht so düster endet wie befürchtet – auch wenn es Kritiker gibt, die sich genau darüber aufgeregt haben …

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...